Eine Stadt in Oranje

Die Niederländer, deren Nationalmannschaft auf dem Rasen eine Renaissance erlebt und auf eine treue Anhängerschaft zählen kann, die zu den leidenschaftlichsten und buntesten Fangemeinden Europas gehört, freuen sich, eine von zwölf Austragungsstädten für eine unvergessliche EM-Endrunde zu stellen.

Amsterdam (Foto: I-stock)
Amsterdam (Foto: I-stock) ©UEFA.com

Die größte EM-Endrunde in der Turniergeschichte, mit der das 60-jährige Jubiläum des Wettbewerbs begangen wird, steht vor der Tür. Gleichzeitig ist es auch 20 Jahre her, seitdem die Niederlande gemeinsam mit dem Nachbarland Belgien die EURO 2000 ausgerichtet haben. An dieses Turnier denkt Michael van Praag, Präsident des Niederländischen Fußballverbands (KNVB), gerne zurück.

„Ich habe tolle Erinnerungen, da all diese großen Namen [im Nationalmannschaftsfußball] ganz nahe waren. Man konnte hingehen und ihnen beim Spiel zuschauen. Für die Entwicklung des niederländischen Fußballs war es ebenfalls sehr wichtig“, erklärte Van Praag. „Ich denke außerdem, dass viele Junge begeistert waren von dem, was sie sahen, und auch deshalb [wegen der EURO 2000] anfingen, Fußball zu spielen.“

Johan Cruiyff ArenA (Foto: Jorrit Lousberg)
Johan Cruiyff ArenA (Foto: Jorrit Lousberg)©UEFA

Erfolgreiche Bewerbung
Die erfolgreiche Bewerbung um die EURO 2020 war eine gute Nachricht für den KNVB und dessen engagierte Fans, die nicht nur das brillante Oranje-Team unterstützen, sondern sich mit großer Begeisterung auch „Alle wollten [sich bewerben]. Wir sind ein zu kleines Land, um ein Event dieser Größenordnung alleine auf die Beine zu stellen, doch wir wollten unbedingt teilnehmen, da wir eine große Fangemeinde haben und alle in Orange erscheinen. Wir dachten, dass wir bei einer eventuellen Qualifikation auch einige Heimspiele bestreiten könnten. Das sind gute Nachrichten für die Fans. Außerdem ist es fantastisch für Kinder, bekannte Spieler anderer Mannschaften in Amsterdam persönlich zu erleben. Der Gedanke hinter der EURO 2020 war, dass die Europameisterschaft an Orten organisiert wird, an denen sie normalerweise nicht stattfinden würde, weil viele Länder in Europa für die Ausrichtung zu klein sind. Durch die Vergabe an verschiedene Städte werden Orte berücksichtigt, in denen sonst keine EM-Endrunde stattfinden würde. Das schätze ich wirklich daran und nicht zuletzt steht das 60-jährige Jubiläum bevor – das verlangt förmlich nach etwas Besonderem.“ 

Fußball für alle
In den Niederlanden ist der Fußball eine Lebenseinstellung und Van Praag erklärt, Vermächtnis zu schaffen. Die Unterstützung für den Fußball, und insbesondere für den Frauenfußball, wachse nämlich weiter, nachdem die Niederländerinnen bei der UEFA Women‘s EURO 2017 den Titel im eigenen Land geholt und sich bei der Frauen-WM 2019 den zweiten Platz gesichert haben.

„Wir sind ein Land mit einer sehr dichten Infrastruktur. Wir haben [nur] 17 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, aber 3 140 Amateurvereine. So können Jungen und Mädchen innerhalb von zehn Minuten mit dem Fahrrad einen Verein erreichen, wo sie von einem qualifizierten Trainer ausgebildet werden. Wir müssen aber auch feststellen, dass gerade in der Altersklasse zwischen 13 und 16 Jahren viele mit dem Fußball aufhören, weil sie andere Dinge unternehmen möchten. Die Jugendlichen interessieren sich zum Beispiel für andere Sportarten, Computerspiele oder möchten ihre Zeit in Cafés verbringen. 

Sie sind zwar noch sehr jung, aber es gibt immer Möglichkeiten für sie, auszugehen und sich auf einer Terrasse zu entspannen. Wir sehen hier zwangsläufig einen Rückgang. Wir stellen ein Wachstum im Frauenfußball fest, doch bei den Jungen ist die Entwicklung rückläufig. Allerdings hoffen wir, dass mit einem Turnier dieser Größe im eigenen Land auch ein zusätzlicher Anreiz geschaffen wird, und die Kinder sagen: ,Fußball ist klasse. Lasst uns weiterspielen‘.“

Nachdem die Niederlande den Einzug in die EURO 2016 und die WM-Endrunde 2018 verpasst hatten, führte der Verband Veränderungen herbei und sieht nun auf dem Spielfeld wieder besseren Tagen entgegen, zuletzt als nur knapp unterlegener Finalist der UEFA Nations League gegen Gastgeber Portugal. Die Leistung der Nationalelf ist ein weiterer Grund zur Vorfreude auf die bevorstehende EURO 2020.

„Das niederländische Team wird immer gefeiert“, fügt Van Praag hinzu. „Die Veranstaltungen rund um das Spiel sind stets sehr wichtig. Tausende oder vielleicht sogar zehntausende Menschen besuchen diese und tragen dabei allesamt orange Trikots oder orange Hüte. Darüber hinaus beobachten wir, dass Fans der niederländischen Nationalmannschaft nicht unbedingt Fans eines Fußballklubs sind. Es sind oft Familien mit Frauen und Kindern, die bei den Länderspielen für eine ganz besondere Atmosphäre sorgen. Wenn all das im eigenen Land organisiert wird, legen wir zusätzlich großen Wert auf [die Organisation von] Begleitveranstaltungen. Wir möchten Fanzonen schaffen und das nicht nur für niederländische Fans, sondern auch für die Anhänger anderer Mannschaften. Inklusion ist eines der Markenzeichen der Niederlande. Uns ist es ein besonderes Anliegen, dass Menschen aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenkommen. Wenn es also darum geht, mit geeinter Stimme gegen Diskriminierung vorzugehen, werden die Niederlande stets an vorderster Front stehen. Fußball für alle: So lautet unser Motto, das wir im Rahmen dieses Turniers verstärkt in den Vordergrund stellen möchten.“

Stadt mit Strahlkraft
Abseits des Spielfelds bereiten der KNVB und die Stadt Amsterdam gemeinsam diverse Aktivitäten vor, damit einheimische und anreisende Fans die niederländische Hauptstadt entdecken können. Die anhaltende, facettenreiche Strahlkraft der Stadt wird die Fans auch an Orte führen, die mit dem Sport nichts zu tun haben.

„Da gibt es die Kanäle, die schönen Terrassen und Restaurants“, schildert Van Praag. „Menschen aus Amsterdam und den Niederlanden sind gastfreundlich, wir haben diese Eigenschaft. Amsterdam ist nicht nur eine Stadt. Schauen Sie sich nur unsere Küste an. Zandvoort ist sozusagen der Strand von Amsterdam. Alles ist leicht erreichbar. Ich bin der Ansicht, dass Amsterdam und seine Umgebung für alle ein großartiger Ausgangspunkt für einen Tagesausflug sind. Wenn Sie segeln möchten, steht Ihnen nichts im Weg, aber Sie können auch einen Ausflug in den Wald machen, die wunderschönen Blumenwiesen bewundern oder im Museum ,Die Nachtwache‘ von Rembrandt bestaunen. Hier sind Ihnen keine Grenzen gesetzt.“

Amsterdam
Seit dem Goldenen Zeitalter des Landes ist Amsterdam eine der weltweit größten Hafenstädte. Die lebendige Hauptstadt mit dem historischen Stadtkern hat sich ihre persönliche, zwanglose Art bewahrt. Grachten, charmante Alleen und Fahrräder an jeder Ecke tragen zu einer einmaligen Atmosphäre bei. Auch die Kunst kommt im „Venedig des Nordens“ nicht zu kurz: Meisterwerke schmücken die Wände des Van-Gogh-Museums und des Rijksmuseums. In den städtischen Galerien ist Kreativität die oberste Devise, die sich ebenso in der hiesigen Street-Art zeigt. Auch wenn es um den Fußball geht, mögen es die Einheimischen gerne bunt: Wenn die Nationalelf spielt, ist Orange die Farbe der ersten Wahl. Johan Cruyff bleibt einer der bekanntesten Fußballer Amsterdams und der Name der niederländischen Legende schmückt heute das Stadion, in dem sich die Elite des europäischen Fußballs bei der EURO 2020 die Klinke in die Hand geben wird. Im selben Stadion wurden im Jahr 2000 fünf Partien der damaligen EM-Endrunde ausgerichtet.

SPIELE

Johan Cruijff ArenA

Kapazität: 54 000

14. Juni: Spiel der Gruppe C
18. Juni: Spiel der Gruppe C
22. Juni: Spiel der Gruppe C
27. Juni: Achtelfinale

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus UEFA Direct Nr. 186

 

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