Wenn Jungs zu Männern werden

Wie Juniorenwettbewerbe auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene die Chancen eines Spielers auf eine erfolgreiche Karriere erhöhen können.

Gerard Piqué (hier mit Mario Suarez) feiert 2006 seinen Erfolg bei der U19-Europameisterschaft, nicht wissend, dass er vier Jahre später den WM-Pokal in den Händen halten würde.
Gerard Piqué (hier mit Mario Suarez) feiert 2006 seinen Erfolg bei der U19-Europameisterschaft, nicht wissend, dass er vier Jahre später den WM-Pokal in den Händen halten würde. ©Getty Images

In den Juniorennationalteams werden die Spieler besser und reifer. Entscheidend für ihre Entwicklung ist indessen die Wettkampferfahrung.

Um den Nutzen von Juniorenwettbewerben zu verstehen, bietet sich ein Blick in Andrés Iniestas Buch „The Artist: Being Iniesta“an. Darin liefert sein ehemaliger Nationalmannschaftskollege Fernando Torres faszinierende Einblicke in die Lernkurve, die solche Wettbewerbe darstellen können. Konkret geht es um die U17-WM 2001 in Trinidad und Tobago. Die 17-jährigen Iniesta und Torres waren Schlüsselspieler der spanischen Elf, die in der Gruppenphase nach einer Niederlage gegen Burkina Faso ausschied. 

Auf dem Rückflug schrieben Torres und Iniesta einen Brief über die Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten. „Die miesen Trainingseinrichtungen, die völlig inakzeptablen Hotels, die fragwürdige Qualität des Essens, die langen Reisewege…“erinnert sich Torres.

Die Spanier Fernando Torres (links) und Andrés Iniesta bei der UEFA EURO 2008.
Die Spanier Fernando Torres (links) und Andrés Iniesta bei der UEFA EURO 2008.©Getty Images

„Dieses Turnier hat den Reifeprozess für Andrés und mich beschleunigt, weil wir die Kehrseite dieses Sports, den Schmerz der Niederlage, erlebt haben“, so die Atlético-Legende. „Wir waren die wichtigsten Spieler dieser Mannschaft und man gab uns die Schuld, als alles schiefging.“Beide Spieler haben wichtige Lehren daraus gezogen.

Torres erzählt, er habe Iniesta auf dem Rückflug aus der Karibik ein Trikot überreicht, auf das er folgende Botschaft geschrieben hatte: „Eines Tages werden wir beide zusammen Weltmeister.“Er traf mit seiner Prophezeiung ins Schwarze: Iniesta erzielte im WM-Finale 2010 gegen die Niederlande den entscheidenden Treffer – zwei Jahre, nachdem Torres Spanien im Endspiel der EURO 2008 gegen Deutschland zum Titel geschossen hatte.

Dies zeigt, dass man sowohl aus Niederlagen als auch aus Siegen wichtige Lehren ziehen kann. Und je bedeutender das Ereignis ist, desto stärker brennt es sich ins Gedächtnis ein. Dank der regelmäßigen Teilnahme an Endrunden von Juniorenwettbewerben hatten die Spanier viele Gelegenheiten, etwas dazuzulernen, bevor ihnen von 2008 bis 2012 auf A-Stufe der einmalige Dreifacherfolg aus zwei EM- und einem WM-Titel gelang.

Im Zeitraum von fünf Jahren entwickelte sich der deutsche Torhüter Manuel Neuer vom U21-Europameister 2009 in Schweden zum Weltmeister 2014 in Brasilien.
Im Zeitraum von fünf Jahren entwickelte sich der deutsche Torhüter Manuel Neuer vom U21-Europameister 2009 in Schweden zum Weltmeister 2014 in Brasilien.©Getty Images

Spanien ist weiterhin die Mannschaft, die sich bei großen Turnieren auf die meiste Erfahrung aus Juniorenendrunden stützen kann. Bei der EURO 2016 etwa brachten es die spanischen Spieler auf insgesamt 125 Partien bei U17-, U19- und U21-EM-Endrunden. Dahinter folgte Deutschland mit 114 Spielen. Ihr Weltmeisterpotenzial, das sie 2014 verwirklichten, hatten die DFB-Akteure schon 2009 angedeutet, als Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mats Hummels, Benedikt Höwedes und Mesut Özil in Schweden die U21-EM gewannen. Im selben Sommer wurde Mario Götze, Schütze des Siegtors im Finale der WM 2014, U17-Europameister.

Ginés Meléndez Sotos, technischer Direktor des Spanischen Fußballverbands, spricht im Zusammenhang mit der Teilnahme an solchen Juniorenendrunden von „positivem Gepäck“. Er war der Trainer der Mannschaft um Juan Mata und Gerard Piqué, die 2006 U19-Europameister wurde.

„Die Spieler, die diese Wettbewerbe bestreiten, verhalten sich anders, wenn sie älter werden, und haben ein größeres Potenzial als diejenigen, die das nicht erlebt haben.“

Piqué, so Meléndez, sei von jeher ein Führungsspieler mit einer Siegermentalität gewesen, doch die Erfahrungen mit den spanischen Juniorenauswahlen hätten ihn dennoch weitergebracht. Dasselbe gelte für seine Teamkollegen. „Spieler, die bei der U17 und U19 Wettkampfpraxis sammeln, haben in der A-Nationalmannschaft einen Vorteil. Ein Spieler braucht Wettkämpfe auf höchstem Niveau, um sich richtig zu entwickeln. Wird man zu wenig gefordert, wird man sich kaum verbessern. Wettkämpfe sind alles, sie hinterlassen die größten Spuren, sie sind das Entscheidende. Ohne Wettkämpfe können sich die Spieler nicht verbessern.“

Je nach Altersstufe seien die Herausforderungen „völlig unterschiedlich“ – bei U17-Spielern gelte es etwa zu beachten, wie sie mit einem längeren Aufenthalt in einem fremden Land umgingen. „Drei Wochen sind eine lange Zeit, da kann es bei den jüngeren Alterskategorien schon mal ein Stimmungstief geben, vor allem, wenn die Resultate nicht stimmen.“

Eine schöne Tradition

In Europa haben die besten Teenager schon lange die Gelegenheit, sich miteinander zu messen. Das erste UEFA-Juniorenturnier geht auf 1957 zurück und knüpfte an das neun Jahre zuvor ins Leben gerufene FIFA-Juniorenturnier an.

1981 wurde daraus die U18-Europameisterschaft, ein Jahr später kam ein U16-Wettbewerb hinzu. 2001 wurden die Alterskategorien auf U19 bzw. U17 umgestellt. Während in diesen beiden Wettbewerben seit langem eine Endrunde mit 16 Mannschaften ausgetragen wurde, wurde bei der U21-EM erst im Jahr 2000 eine Gruppenphase eingeführt, damals noch mit acht Teams.

Birkir Bjarnason (Island)
Birkir Bjarnason (Island)©Getty Images

Für die isländischen Spieler, die bei der EURO 2016 einen legendären Triumph über England feierten, war der U21-Wettbewerb mit Sicherheit ein wichtiges Sprungbrett. In der Mannschaft, die auf dem Weg ins EM-Viertelfinale England ausschaltete, standen mit Birkir Bjarnason, Johann Gudmundsson, Aron Gunnarsson, Kolbeinn Sigthórsson und Gylfi Sigurdsson fünf Spieler, die auf dem Weg zur erstmaligen U21-Endrundenqualifikation Islands mit einem 4:1-Erfolg gegen Deutschland für Aufsehen gesorgt hatten. Bei der Endrunde warf Island dann auch noch Gastgeber Dänemark aus dem Rennen – den ersten Treffer zum 3:1-Sieg erzielte Sigthórsson, dem fünf Jahre später in Nizza das Siegtor gegen England gelingen sollte.

John Peacock stand bei der letzten U17-EM-Endrunde in England als technischer Beobachter für die UEFA im Einsatz. Laut dem ehemaligen Nationaltrainer, der 2014 mit der englischen U17-Auswahl Europameister wurde, stellt heutzutage jeder Gegner eine andere Herausforderung dar.

„Egal, gegen welches Land du spielst, ob aus Europa oder von irgendwo sonst auf der Welt – es ist sehr schwierig, zu gewinnen. Wenn England gegen eines der kleineren Teams spielt, wird der Gegner tief stehen und um den eigenen Strafraum herum verteidigen – in England sind die Spieler anderes gewohnt, da wird mehr oder weniger jede Woche auf Augenhöhe agiert.“

Laut Peacock sind die verschiedenen taktischen Ausgangslagen nur eine der Herausforderungen. „Wenn man für sein Land spielt und ins Ausland reist, mit einer anderen Infrastruktur und Kultur, ist der Lernfaktor groß. Das sind Dinge, die auf A-Stufe ohnehin auf die Spieler zukommen werden. Ein bisschen Druck und eine gewisse Erwartungshaltung sind wünschenswert, doch mittlerweile muss der Cheftrainer dafür sorgen, dass der Leistungsdruck nicht zu groß wird und die Spieler dadurch gehemmt sind. Da gilt es, die richtige Balance zu finden.“

„Diejenigen, die es ganz nach oben schaffen, das sind die, die diese Leistungsbereitschaft haben und mit Druck umgehen können“, so Peacock. „Diejenigen, die das nicht können, werden Mühe haben, ihren Traum von der Karriere auf höchster Ebene zu verwirklichen. Bei einem solchen Turnier lernt man viel über die Spieler und die gesamte Mannschaft. Letztlich will man sich für eine WM qualifizieren und diese Erfahrungen kommen den Spielern dann auf A-Stufe hoffentlich zugute.“

Blick in die Zukunft

Wayne Rooney feiert einen englischen Sieg bei der U17-EM-Endrunde 2002.
Wayne Rooney feiert einen englischen Sieg bei der U17-EM-Endrunde 2002.©UEFA.com

Der englische Rekordtorschütze Wayne Rooney war Botschafter der diesjährigen U17-Endrunde. 2002 in Dänemark – vor einer gefühlten Ewigkeit – hatte der damals 16-Jährige fünf Tore erzielt und den Goldenen Ball gewonnen. Im Vorfeld der Ausgabe 2018 sprach er darüber, wie solche Turniere einem jungen Fußballer als Karrieresprungbrett dienen können.

„Ich habe mich daran gewöhnt, Tore für mein Land zu schießen, was auf allen Stufen ein großartiges Erlebnis ist“, erklärt Rooney, der drei Monate nach seinem starken Auftritt bei der U17-EM in der ersten Mannschaft des FC Everton debütierte. „Es ist toll, weil man sich mit anderen messen kann, aber auch, weil man sich an den Rhythmus einer Endrunde herantasten kann.“

„Bei solchen Spielen kannst du Dinge zeigen, die deinen Klubtrainer vielleicht dazu bringen, dein Potenzial zu erkennen und dir eine Chance zu geben. Durch diese Turniere können Spieler den entscheidenden Schritt weiterkommen und den Sprung in die erste Mannschaft schaffen, egal bei welchem Verein sie spielen“,so Rooney.

Ein Beispiel ist der aufstrebende englische Mittelfeldspieler Lewis Cook, der bei der U17-Endrunde 2014 in Malta John Peacocks Europameisterelf angehörte. Bei der letztjährigen U20-WM führte er England als Kapitän zum Titel, und nachdem er sich in der Saison 2017/18 einen Stammplatz beim AFC Bournemouth erkämpft hatte, schaffte er es in den provisorischen Kader von Gareth Southgate für die WM in Russland.

Peacock erinnert sich an die kleinen, aber wichtigen Fortschritte, die der damalige Leeds-United-Spieler in der englischen U17-Auswahl machte. „In der Saison 2013/14 konnte ich eine klare Steigerung bei ihm feststellen. Ich sah einen sehr engagierten und talentierten Spieler, dem teilweise noch der letzte Schliff fehlte. Er spielte sehr kampfbetont, doch auf der internationalen Bühne muss man bei aggressiven Tacklings ein bisschen vorsichtiger sein. Er wurde im Laufe der Saison immer reifer und hat schließlich eine hervorragende Endrunde in Malta gespielt.“

Internationale Erfahrung auf Klubebene

Mit der 2013/14 ins Leben gerufenen UEFA Youth League ist für die Nachwuchstalente der führenden europäischen Vereine eine weitere Entwicklungsgelegenheit hinzugekommen. In diesem Wettbewerb lernen die Stars von morgen, was es bedeutet, unter der Woche Europapokalspiele zu bestreiten – mitsamt den Reisestrapazen und reizvollen Duellen mit gleichaltrigen Spielern aus anderen Ländern. Von dieser Erfahrung sollen sie zehren, wenn die ersten europäischen Einsätze mit der ersten Mannschaft anstehen.

Matthijs de Ligt (links) im Oranje-Dress für die Niederlande bei einem U15-Freundschaftsspiel gegen Deutschland.
Matthijs de Ligt (links) im Oranje-Dress für die Niederlande bei einem U15-Freundschaftsspiel gegen Deutschland.©Getty Images

Insgesamt haben bis heute 135 Spieler den Sprung von der UEFA Youth League in die UEFA Champions League geschafft. In der UEFA Europa League sind es gar 170 Spieler, darunter der Niederländer Matthijs de Ligt, der im Februar 2017 für Ajax in der Youth League spielte und drei Monate später im Europa-League-Finale gegen Manchester United eine erstaunlich abgeklärte Leistung in der Abwehr der Amsterdamer zeigte.

Jason Wilcox, Akademieleiter bei Manchester City, schätzt die Tatsache, dass seine Schützlinge dank der UEFA Youth League unterschiedliche Spielweisen und Kulturen kennenlernen können.

Vor dem Youth-League-Halbfinale im vergangenen April gegen den späteren Wettbewerbssieger Barcelona sagte Wilcox in Nyon: „Wir betonen immer, dass es in unserem Nachwuchsprogramm nicht darum geht, um jeden Preis zu gewinnen. Manchmal müssen wir die Jungs aber ein bisschen stärker unter Erfolgsdruck setzen. Bei gewissen Turnieren im Ausland ordnen wir dem Siegen alles unter, das ist in meinen Augen wichtig. Wir versuchen dabei, vom Entwicklungsgedanken wegzukommen, damit sie lernen, wie man große Spiele gewinnt und welchen Druck das mit sich bringt. Wenn die Jungs nicht mit dem Druck eines Youth-League-Halbfinales umgehen können, werden sie in einem Champions-League-Endspiel, dem ultimativen Ziel, hoffnungslos verloren sein.“

Wie Andrés Iniesta und Fernando Torres bezeugen können, hält der Weg zum ultimativen Ziel bisweilen harte Lektionen bereit.

Vorboten künftiger Großtaten

„Darin besteht der Reiz für die Fans, die diese Turniere verfolgen – man kann Spieler des eigenen und anderer Klubs beobachten und sich ein Bild darüber machen, welches die nächsten Superstars sein werden.“Wayne Rooneys Aussage über eine der Facetten von Juniorenwettbewerben lässt sich mit einer Liste bekannter Namen untermauern, die bei UEFA-Nachwuchsturnieren geglänzt haben. Ein Beispiel ist die französische U18-Auswahl, die 1996 Europameister wurde: Den Siegtreffer im Finale gegen Spanien erzielte Thierry Henry, der zwei Jahre später mit seinem Sturmpartner David Trezeguet auch bei der Heim-WM triumphieren sollte – ebenso wie bei der EURO 2000, bei der Trezeguet das Endspiel per Golden Goal entschied.

Große Karrieren sind aber nicht nur den Gewinnern von Nachwuchsturnieren vorbehalten – ein Jahr zuvor, 1995, verlor Italien das U18-EM-Finale gegen Spanien mit Spielern wie Gianluigi Buffon, Francesco Totti und Andrea Pirlo, die 2006 allesamt Weltmeister wurden. Ob aktuelle U17- und U19-Europameister eines Tages den WM-Pokal in den Händen halten werden, bleibt abzuwarten, doch Träumen ist allemal erlaubt.

Dieser Artikel stammt ursprünglich aus UEFA Direct Nr. 179

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