Raúl: „Respekt gehört zu meinem Leben“

Die Spielerlegende von Real Madrid, Raúl González, war zu Gast bei der UEFA-Breitenfußball-Konferenz in Minsk und sprach dort über die Bedeutung des Respekts für die Werte des Fußballs. Außerdem erinnerte er sich an seine eigenen Anfänge.

©Sportsfile

Vom „fußballspielenden“ Ungeborenen im Bauch seiner Mutter bis zum weltweit gefeierten Superstar... Die Fußballkarriere von Raúl González ist von außerordentlichen Erfolgen und nachhaltigem Ruhm gekennzeichnet. Sie ist auch ein leuchtendes Beispiel für den Respekt für die Werte des Fußballs. Außerdem zeigt sie, wie wichtig es ist, auf dem Weg nach oben und auch an der Spitze selbst niemals seine Wurzeln zu vergessen.

In seiner 16-jährigen Karriere bei Real Madrid spielte Raúl eine herausragende Rolle. Der Stürmer mit dem unvergleichlichen Torinstinkt erzielte in beispiellosen 741 Partien für den Klub aus der spanischen Hauptstadt 323 Treffer. Bei 102 Länderspieleinsätzen für die spanische Nationalmannschaft traf er 44 Mal ins Netz. In dieser Woche war er einer der Ehrengäste bei der UEFA-Breitenfußball-Konferenz in der belarussischen Hauptstadt.

Raúl (rechts) mit dem UEFA-Leiter Fußballausbildung, Frank Ludolph.
Raúl (rechts) mit dem UEFA-Leiter Fußballausbildung, Frank Ludolph.©Sportsfile

Der dreimalige Champions-League-Gewinner und sechsmalige spanische Landesmeister, der auf eine Reihe von persönlichen Auszeichnungen zurückblickt, erinnerte sich an seine Tage als Breitenfußballer aus bescheidenen Verhältnissen und bot einen faszinierenden Einblick in seine fußballerische Reise.

„Ich glaube, ich habe schon Fußball gespielt, bevor ich überhaupt geboren war“, erzählte Raúl den Vertretern des Breitenfußballs aus ganz Europa bei einem einstündigen Interview und einer anschließenden Frage-und-Antwort-Runde. „Ich denke an so vieles zurück, vor allem daran, dass ich schon in meinen allerersten Erinnerungen mit einem Ball gespielt habe.“

Raúl feiert einen Treffer für Real Madrid.
Raúl feiert einen Treffer für Real Madrid.©Getty Images

Der heute 41-jährige Raúl trainiert aktuell die zweite Mannschaft von Real Madrid, nachdem er im Verein zunächst als Juniorencoach tätig war. Er unterstrich seine Ansicht, dass der Breitenfußball sich seit seiner Zeit als fußballverrückter Junge in San Cristóbal am Stadtrand von Madrid dramatisch verändert habe. „Es gab keine Fußballschulen, man spielte in Parks und auf der Straße. In der Schule kickte man auf dem Pausenhof oder auf dem Bolzplatz. Und nachmittags ging man nach draußen und spielte mit seinen Freunden. Man spielte einfach überall. Es war eine ganz andere Welt. Meine Mutter rief mich zum Essen rein und ich wollte einfach nicht kommen. Zuhause hatten wir immer einen Fußball. Bis ich elf war, fand meine Fußballausbildung mit Freunden auf der Straße statt, so Raúl. „Und wenn meine Freunde keine Zeit hatten, dann kickte ich alleine gegen eine Mauer. Die Mauer war mein bester Freund. Hatte ich den Ball gut getroffen, sprang er direkt zu mir zurück, bei einem schlechten Schuss musste ich ihn irgendwo aufsammeln.“"

Raúl bemerkte rasch, dass seine Leidenschaft für den Fußball ein Leben lang anhalten würde. „Ich wollte Fußballprofi werden. Ich verfolgte die Spiele am Fernseher und im Radio. Dann versuchte ich, alles nachzumachen, was der Radiokommentator beschrieben hatte.“ Seine Eltern waren sehr verständnisvoll und dank der Ermunterung seiner Freunde trat er mit elf Jahren das erste Mal einem Klub bei.

Raúl spielte auch für Schalke 04.
Raúl spielte auch für Schalke 04.©Getty Images
Raúl als Champions-League-Sieger 1998.
Raúl als Champions-League-Sieger 1998.©Popperfoto/Getty Images

Er war Elektriker. Ich stamme aus einem Arbeiterhaushalt. Mein Vater hat mich damals immer begleitet – er fuhr mich zu Spielen und unterstützte mich. Er war fordernd, aber er hat mich immer ermutigt. Die Familie ist eine ganz besonders wichtige Quelle der Unterstützung. Ich bin froh, dass ich meinen Eltern Freude bereitet habe und ihnen ein besseres Leben bieten konnte – manche Kinder sind wegen der Dinge, die ihre Eltern ihnen beim Fußballspielen sagen, desillusioniert und frustriert. Sie haben Angst, Fehler zu machen, aber die einzige Art, besser zu werden, ist, solche Fehler tatsächlich zu machen.“

Raúl blickt stolz darauf zurück, in seiner Karriere niemals vom Platz gestellt worden zu sein. In Minsk betonte er, dass er bestimmte Werte verinnerlicht habe, seit er das erste Mal für einem Klub spielte. „Es war eine angenehme Gruppe mit einer positiven Einstellung, deshalb habe ich die Werte, die der Mannschaftssport zu bieten hat, rasch erlernt – Respekt, Hingabe, Teamwork, Unterstützung der Mitspieler, Respekt für den Gegner und Respekt für den Schiedsrichter.“

Endspiel 2002: Real Madrid - Bayer 04 Leverkusen 2:1.
Endspiel 2002: Real Madrid - Bayer 04 Leverkusen 2:1.

Diese Tugenden hat sich Raúl in seiner glanzvollen, 20-jährigen Karriere in Madrid und später bei Schalke 04 in Deutschland bewahrt. Sie sind es auch, die ihn für immer zu einer Fußballlegende machen. Am Abend nach seinem Auftritt bei der UEFA-Konferenz warteten vor seinem Hotel in Minsk bereits ganze Fangruppen für ein Foto oder ein Autogramm.

Raúl González und Frank de Boer vom FC Barcelona bei einer Begegnung in der UEFA Champions League.
Raúl González und Frank de Boer vom FC Barcelona bei einer Begegnung in der UEFA Champions League.©AFP/Getty Images

„Ich habe immer versucht, respektvoll mit allen umzugehen“, so Raúl. „Ich habe versucht, die Werte zu verkörpern, die ich schon früh erlernt hatte. Ich war sehr leidenschaftlich bei dem, was ich gemacht habe, aber ich habe immer versucht, andere zu respektieren – der Fußball hat mir das ermöglicht. Im Fußball klappt nicht immer alles. Für mich sind hohe moralische Standards sehr wichtig. Es gibt schöne Arten, ein Spiel zu gewinnen, und es gibt andere Wege – das sind aber nicht meine. Respekt gehört zu meinem Leben. Man muss immer hinter seinen eigenen Werten stehen, und ich werde immer versuchen, mich auf die guten Dinge im Fußball zu konzentrieren und die negativen Aspekte auszuklammern.“ 

Seinen Zuhörern in Minsk erklärte Raúl, dass der wichtigste Faktor auf seinem Weg an die Spitze Leidenschaft und nicht ein außergewöhnliches Talent gewesen sei. „Leidenschaft hat mich im Leben immer weitergebracht, weil ich mich nicht für den talentiertesten Spieler halte,“ so Raúl. „Talent ist nicht alles – man muss wirklich eine Leidenschaft haben.“

Ferner unterstrich Raúl die Bedeutung von Futsal bei der Weiterentwicklung seiner technischen Fähigkeiten, was einen großen Einfluss auf seine künftige Fußballkarriere hatte. „Ich glaube, ich war bei Koordination und Wendigkeit ziemlich gut,“ erinnert er sich. „Ich habe viel Futsal gespielt und kann Ihnen sagen, dass viele meiner Treffer, die ich als Fußballer erzielt habe, das Ergebnis meiner Futsal-Erfahrungen sind – die Reflexe, die engen Räume usw.“

Raúl blickt auf 102 Länderspiele für Spanien zurück.
Raúl blickt auf 102 Länderspiele für Spanien zurück.©Getty Images

R

Raúl betonte, dass man Kinder vor allem im Alter zwischen acht und elf Jahren einfach freien Lauf lassen sollte: „Sie müssen einfach Spaß am Fußball haben. Es kann Schaden anrichten, wenn sie Erfolgs- oder Leistungsdruck ausgesetzt werden. Kinder in diesem Alter müssen in einer Komfortzone spielen können – ihre wahren fußballerischen Fähigkeiten kommen ohnehin erst im Alter von 14 oder 15 Jahren zum Vorschein.“ Er fügte hinzu, dass Kindertrainer ganz besondere Qualitäten und eine spezifische Ausbildung benötigen, um sich um die Jüngsten zu kümmern. „Kindern muss man beibringen, Spaß zu haben. Man muss ihnen die Werte vermitteln, die es braucht, um in einer Mannschaft zu spielen: Kameradschaft, Solidarität, Uneigennützigkeit und das Vertrauen, auf den Platz zu gehen und sie selbst zu sein. Ich denke, dass der Fußball eine Pflicht hat, diese jungen Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Als Trainer hat man deshalb eine genauso große Verantwortung für die Heranwachsenden wie die Eltern.

Raúl bei der Konferenz in Minsk.
Raúl bei der Konferenz in Minsk.©Sportsfile

Es ist heutzutage sehr wichtig, dass junge Menschen auf die richtige Art und Weise erzogen und unterrichtet werden. Es gibt mittlerweile unzählige Akademien und andere Orte, an denen Fußball gespielt wird. Ich glaube, dass all diese Akademien und Klubs, in denen die Kinder schon sehr früh – mit sechs, sieben oder acht Jahren – anfangen zu spielen, eine große Verantwortung tragen.“

Raúl ermutigte die europäischen Breitenfußball-Manager und -Trainer dazu, ihre hervorragende Arbeit fortzusetzen und ihr Engagement aufrechtzuerhalten. Er forderte sie auf, diesen jungen Menschen, vor allem denjenigen mit Potenzial, zu helfen, denselben Träumen zu folgen, die er hatte, als er als Kind den Ball gegen eine Mauer kickte.

„Ich hatte wirklich ein klares Ziel vor Augen – ich wollte ein erfolgreicher Fußballer werden. Ich fühle mich geehrt, dass ich meine Träume verwirklichen konnte, und möchte alle Jungen und Mädchen ermutigen, hart zu arbeiten und für ihre eigenen Träume zu kämpfen.“

Oben