Europäische WM-Dominanz bei FIFA-Konferenz im Fokus

Die herausragenden Leistungen der europäischen Teams bei der FIFA-Weltmeisterschaft in Russland – Europa stellte alle vier Halbfinalisten und mit Frankreich den Weltmeister – waren ein Kernthema bei der zur Analyse des Turniers einberufenen FIFA-Konferenz.

Frankreich hat auf überzeugende Weise den WM-Titel gewonnen.
Frankreich hat auf überzeugende Weise den WM-Titel gewonnen. ©Getty Images

Bei der FIFA-Fußballkonferenz in London zur WM-Endrunde im vergangenen Sommer kamen Trainer aus aller Welt zusammen und diskutierten unter anderem über den Trend hin zu Angriffsfußball und das erfolgreiche Abschneiden der europäischen Mannschaften.

Russland 2018 war die vierte WM in Folge mit einem europäischen Sieger nach den Triumphen Italiens 2006, Spaniens 2010 und Deutschlands 2014. Zudem stellte Europa zehn Achtelfinalisten, sechs Viertelfinalisten und mit Frankreich, Kroatien, Belgien und England alle vier Teilnehmer der Vorschlussrunde.

Der stolze französische Weltmeistertrainer Didier Deschamps.
Der stolze französische Weltmeistertrainer Didier Deschamps.©Getty Images

Die Nationaltrainer und technischen Experten sämtlicher FIFA-Mitgliedsverbände waren zu der Konferenz am vergangenen Sonntag geladen, bei der die in Russland festgestellten taktischen Trends analysiert wurden – namentlich das Bestreben, „so schnell wie möglich zum gegnerischen Tor zu gelangen“, wie es Carlos Alberto Parreira, ehemaliger brasilianischer Weltmeistertrainer und Mitglied der technischen Studiengruppe der FIFA, ausdrückte.

In einer Präsentation, die Parreira gemeinsam mit dem Leitenden Beauftragten der FIFA für Technische Entwicklung, Marco van Basten, hielt, wurde unter anderem ein Rückgang der torlosen Unentschieden von sieben Spielen auf eine Partie gegenüber Südafrika 2010 sowie eine Zunahme an Strafstößen aufgezeigt, von denen in Russland 29 verhängt und 22 verwandelt wurden (15/9 in Südafrika). Einer intensiveren Vorbereitung im Training wurde die Tatsache zugeschrieben, dass jeder 29. Eckball zu einem Torerfolg führte – 2010 hatte diese Quote noch bei 1:61 gelegen. Bemerkenswert ist auch, dass kein einziger Spieler wegen einer Tätlichkeit des Feldes verwiesen wurde.

Der Franzose Paul Pogba geht im WM-Finale gegen Kroatien in den Abschluss.
Der Franzose Paul Pogba geht im WM-Finale gegen Kroatien in den Abschluss.©Getty Images

Am Vormittag der Konferenz wurden die vier europäischen Halbfinalisten unter die Lupe genommen, allen voran Weltmeister Frankreich, der laut dem ehemaligen niederländischen Nationalstürmer Marco van Basten in Didier Deschamps über einen Trainer verfüge, der „alles erlebt“ und die Dinge einfach gehalten habe. Carlos Alberto Parreira wies seinerseits auf den auf allen Positionen stark besetzten Kader Frankreichs hin, von Hugo Lloris, „einem der weltbesten Torhüter“, über Paul Pogba bis hin zu Antoine Griezmann.

Deschamps kam ebenfalls auf die Bühne, um die Konferenzteilnehmer an seinen Gedanken teilhaben zu lassen, und hob die positiven Beiträge von Benjamin Pavard und Lucas Hernández auf den Außenbahnen sowie von N’Golo Kanté, Olivier Giroud und Paul Pogba hervor. „Die defensive Organisation war sehr gut. Nach Balleroberungen mussten wir sehr schnell nach vorne umschalten, und wir hatten Spieler, die dazu in der Lage waren“, so der Weltmeistercoach.

Halbfinalist England erhielt viel Lob für seine Stärke bei ruhenden Bällen; Marco van Basten prophezeite den Three Lions eine goldene Zukunft, auch vor dem Hintergrund der englischen Erfolge auf U17- und U20-Ebene. „Sie haben einen Trainer, der von hinten heraus spielen lässt, und ich denke, das hat funktioniert. Sie können aber immer noch besser werden. Sie sind alle noch recht jung und ein Versprechen für die Zukunft.“

Roberto Martínez, Trainer der attraktiven belgischen Mannschaft.
Roberto Martínez, Trainer der attraktiven belgischen Mannschaft.©Getty Images

Der zweite unterlegene Halbfinalist, Belgien, wurde von Parreira als „unterhaltsamste Mannschaft des Wettbewerbs“ gepriesen, und Trainer Roberto Martínez erntete viel Anerkennung für seine taktische Flexibilität beim Viertelfinale gegen Brasilien, als er auf ein 4-3-3 umstellte und Romelu Lukaku als rechten Außenstürmer agieren ließ. „Alle Spiele Belgiens waren ein Spektakel“, fügte Van Basten hinzu.

Der Kroate Luka Modrić, bester Spielmacher des Turniers.
Der Kroate Luka Modrić, bester Spielmacher des Turniers.©AFP

Den Vizeweltmeister Kroatien würdigte Parreira als Team, das die DNA der früheren jugoslawischen Auswahl, die als das Brasilien Europas galt, übernommen habe. Laut Van Basten werde diese DNA von Luka Modrić verkörpert, dem herausragenden Spielmacher des Turniers. „Mit einem solchen Spieler in der Mannschaft hast du immer das Gefühl, dass er deine Anweisungen versteht und umsetzt – er spielt den Ball im richtigen Moment und mit dem richtigen Tempo ab. Modrić ist ein Spieler, der das Spiel liest.“

Zlatko Dalić führte Kroatien bis ins Endspiel.
Zlatko Dalić führte Kroatien bis ins Endspiel.©UEFA

Der kroatische Trainer Zlatko Dalić verortete das Erfolgsrezept der vier Halbfinalisten bei ihrer mannschaftlichen Geschlossenheit. „Alle vier Teams präsentierten sich wie eine kompakte Einheit und traten als Kollektiv auf.“ Roberto Martínez sah „die Champions League und die dadurch hinzugewonnene Wettkampfhärte“ als weiteren Faktor für die europäische Dominanz.

Gareth Southgate führte England in Russland bis ins Halbfinale.
Gareth Southgate führte England in Russland bis ins Halbfinale.©AFP/Getty Images

Der englische Coach Coach Gareth Southgate erklärte, dass sich die Investitionen in die Nachwuchsförderung für Europa ausgezahlt hätten – „ebenso wie das Niveau der nationalen und europäischen Wettbewerbe, was die Qualität der Spiele und den Umgang mit Druck anbelangt. Die Spieler der Halbfinalisten sind es sich gewohnt, in richtig großen K.-o.-Spielen auf dem Platz zu stehen.“

Einen weiteren Grund für die Stärke Europas lieferte schließlich Frank Ludolph, Leiter der UEFA-Abteilung Fußballausbildung: „Der Erfolg der europäischen Mannschaften ist auf die Qualität ihrer Trainer und natürlich auch auf die Qualität der Trainerausbildung zurückzuführen.“ 

 

 

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