„Meine Arbeit wurde mein Leben“ - Stanislaw Tschertschessow

Stanislaw Tschertschessow führte Russland bei der Heim-WM in diesem Sommer entgegen den meisten Erwartungen bis ins Viertelfinale und eroberte so die Herzen einer verzückten Nation. Im vorliegenden Porträt gibt er Einblicke in seine herausragende Trainerkarriere und die verschiedenen Facetten des Berufs.

Stanislaw Tschertschessow führte Russland ins WM-Viertelfinale.
Stanislaw Tschertschessow führte Russland ins WM-Viertelfinale. ©Getty Images

Können Sie uns etwas über Ihre Trainerausbildung erzählen? Wann haben Sie entschieden, dass Sie Trainer werden möchten, und wie sind Sie es angegangen?

„Meine A-Lizenz habe ich in Österreich erworben, die Pro-Lizenz dann in Moskau, als ich 2006 zu Spartak zurückging. Die Entscheidung, Trainer zu werden, habe ich bereits während meiner aktiven Karriere getroffen. Ich habe gespielt, bis ich 40 war, und bin direkt danach Cheftrainer geworden.“

Vor der Übernahme der Nationalelf haben Sie verschiedene Klubmannschaften in Österreich, Russland und Polen betreut. Gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?

„Ich habe in Kufstein mit einer kleinen Mannschaft begonnen und mich dann Schritt für Schritt nach oben gearbeitet, bis ich Nationaltrainer wurde. Ich würde nichts anders machen.“

Wie arbeiten Sie mit Ihren Kollegen zusammen? Inwieweit sind Sie in die tägliche Trainingsarbeit eingebunden? Welche Aufgaben hat Ihr Torwarttrainer?

„Wie arbeiten seit 2009 zusammen, also seit über acht Jahren – wir, das sind neben mir mein erster Assistent Miroslaw Romaschenko, der Fitnesscoach Wladimir Panikow und Torwarttrainer Guintaras Stauche. Wir haben schon im Verein zusammengearbeitet und später habe ich noch unseren Physiotherapeuten Paulino Granero in den Betreuerstab des Nationalteams berufen. Ich bin aktiv an der Planung jeder Trainingseinheit beteiligt und habe das letzte Wort. Alle Rollen sind klar verteilt. Eine Person ist zuständig für das Aufwärmen, eine andere für taktische Übungen usw. Ich kann ehrlich sagen, dass ich in der Lage bin zu delegieren. Der Torwarttrainer ist für die körperliche und mentale Vorbereitung der Torleute zuständig. Er hat auch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, was die Wahl des Stammkeepers betrifft.“

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Cheftrainer auf diesem Niveau sind einem enormen Stress ausgesetzt. Wie halten Sie Ihre Emotionen unter Kontrolle? Wie bleiben Sie ruhig und wie entspannen Sie sich?

„Ein Cheftrainer ist auch ein Mensch. Ich habe meine Familie, meine Frau und zwei Kinder, die mich unterstützen. Ich brauche ihre Unterstützung, das ist das Wichtigste für mich. Es trägt dazu bei, dass die Anspannung trotz allem nicht zu groß wird. Ich bemühe mich, fit zu bleiben, gehe laufen und schwimmen. Die Hauptsache ist allerdings, dass ich meine Arbeit liebe und ihr mit Begeisterung nachgehe. Meine Arbeit ist zu meinem Leben geworden, und mein Leben zu meinem Hobby.“

Stanislaw Tschertschessow – Lebenslauf
Geboren in Alagir in Nordossetien, begann Stanislaw Tschertschessow seine Torwartkarriere bei Spartak Ordschonikidse, bevor er in der russischen Hauptstadt für Spartak und Lokomotive Moskau spielte.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging er ins Ausland, wo er zunächst bei Dynamo Dresden und später in Innsbruck beim FC Tirol unter Vertrag stand. Die politischen Veränderungen brachten es mit sich, dass Tschertschessow für die Nationalmannschaften der UdSSR, der GUS und Russlands im Tor stand. Für Letztere hatte er einen Einsatz bei der WM 1994 sowie zwei weitere bei der EM 1996. Bereits vier Jahre zuvor hatte er dem EM-Kader als Ersatzmann hinter Dmitri Charin angehört, war jedoch nicht zum Einsatz gekommen.

Nachdem er bereits sechs Jahre seiner aktiven Zeit in Österreich verbracht hatte, kehrte er 2004 als Trainernovize dorthin zurück und übernahm den FC Kufstein aus der Regionalliga West, bevor er für zwei Jahre das Team von Wacker Tirol coachte.

2007 zog es ihn zurück nach Russland, wo er seinen ehemaligen Verein Spartak Moskau übernahm; weitere Stationen seiner Trainerkarriere waren in der Folge Schemtschuschina Sotschi, Terek Grosny, Amkar Perm und Dinamo Moskau. Zuletzt war er in Polen für Legia Warschau tätig; 2015/16 führte er den Verein zum Double aus Meisterschaft und Pokal, bevor er das Amt des Nationaltrainers in seinem Heimatland übernahm.

Das Originalfassung dieses abgekürzten Artikels ist in UEFA Direct 180 erschienen. 

 

 

Oben