Ich bin es, die mein Leben bestimmt – nicht meine Schizophrenie

Hannah Bryndís Proppé Bailey aus Reykjavík lebt bereits die Hälfte ihres noch jungen Lebens mit Depressionen und Schizophrenie. Dank dem Fußball hat sie Wege gefunden, sich auszudrücken und Spaß zu haben.

Vor rund vier Jahren hat Hannah die Diagnose Schizophrenie erhalten.
Vor rund vier Jahren hat Hannah die Diagnose Schizophrenie erhalten.©UEFA.com

Jeden Monat berichtet die UEFA im Rahmen ihrer Kampagne #EqualGame über eine Person aus einem ihrer 55 Mitgliedsverbände. Sie alle sind Beispiele dafür, wie der Fußball Inklusion, Zugang zum Sport und Vielfalt fördert und dass Behinderung, Religion, sexuelle Orientierung, ethnische Zugehörigkeit, Gesundheitszustand und soziale Herkunft kein Hindernis sind, Fußball zu spielen und Spaß daran zu haben.

„Können Sie sich vorstellen, jeden Tag in Ihrem Leben Grippe zu haben? Immerzu müde zu sein? Tag für Tag Schwierigkeiten zu haben aufzustehen?“ Das ist der tagtägliche Kampf, den die 24-jährige Isländerin Hannah Bryndís Proppé Bailey auszufechten hat.

Fußball ist zu einem von Hannahs größten Hobbys geworden.
Fußball ist zu einem von Hannahs größten Hobbys geworden.©UEFA.com

Seit ihrem zwölften Lebensjahr leidet sie an Depressionen; vor vier Jahren erhielt sie zudem die Diagnose Schizophrenie. Sie erhält große Unterstützung seitens ihrer Familie und ihrer Freunde, doch gibt sie zu, dass es manchmal schwierig ist. Doch trotz der ständigen Herausforderungen ist Hannah niemand, der klein beigibt. Sie vertritt den Standpunkt, dass sie das Leben nicht einfach aufgeben kann, nur weil sie eine psychische Störung hat. „Es ist nicht immer leicht. Ich höre Stimmen und kann paranoide Schübe haben, und das macht das Leben manchmal schwierig“, so Hannah. „Ich hatte aber Glück, dass ich Hilfe erhalten habe.“

Vor einigen Jahren erfuhr sie während einer Reha in Laugaras, einem Vorort von Reykjavík, von der Möglichkeit, Fußball zu spielen. Sie stieß zum Team des FC Sækó (FC Psycho auf Deutsch), dem vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen angehören.

Hannah spielt für den FC Sækó.
Hannah spielt für den FC Sækó.©UEFA.com

„Die Mannschaft steht Menschen jeden Alters, unabhängig von ihrer Form, offen“, erklärt Hannah. „Ich bin nicht die Beste im Team, aber ich mache mit und gehe zum Training. Ich finde das toll und spannend und habe Spaß – darauf kommt es mir an.“ Sie verpasst nur selten eine Trainingseinheit und bekennt: „Es ist mit das Beste, was ich zur Zeit mache.“ Die Mannschaft trainiert zweimal pro Woche, wobei der Spaß und das Dabeisein im Mittelpunkt stehen, und nicht so sehr der Wettkampf. Die Trainingseinheiten finden unter den wachsamen Augen von Coach Bregþór Grétar Bödvarsson statt, der das Team zusammenhält, anspornt und unterstützt.

„Menschen mit psychischen Störungen fühlen sich oft ganz allein und schotten sich ab“, fährt Hannah fort. „Manche bleiben die ganze Zeit zu Hause, reden nicht mehr mit ihren Freunden und so weiter. Fußball ist gut für diese Leute, weil sie so auf andere Gedanken kommen; weil sie Sport treiben, aber auch, weil sie so mit anderen zusammen sind, mit denen sie normalerweise nicht unbedingt ins Gespräch kämen.“

In ihrer Freizeit betätigt sich Hannah als Stand-up-Comedian.
In ihrer Freizeit betätigt sich Hannah als Stand-up-Comedian.©UEFA.com

Neben der neuen Ausdrucksmöglichkeit hat der Fußball ihr auch in anderer Hinsicht viel gegeben. „Die körperliche Betätigung hat mir in psychischer Hinsicht viel gebracht“, erklärt sie und fügt hinzu, dass sie sich sehr viel besser fühlt, seit sie mit dem Training begonnen hat.

In ihrer Freizeit betätigt sich Hannah außerdem als Stand-up-Comedian. Die Inspiration dazu kam von ihrer älteren Schwester, und trotz anfänglicher Bedenken hat sie es nie bereut. „Auf der Bühne zu stehen, ist am Anfang wirklich stressig“, räumt sie ein. „Aber wenn man erst einmal oben steht und angefangen hat, ins Mikrofon zu sprechen, ändert sich das.“

Am Wochenende arbeitet Hannah in einem Pflegeheim für Senioren.
Am Wochenende arbeitet Hannah in einem Pflegeheim für Senioren.©UEFA.com

Hannahs Auftritte sind scharfzüngig und ehrlich, wobei sie ihre „Schizophrenie und anderen Krankheiten“ auf ungezwungene Art thematisiert. Oft ist das Publikum erst einmal überrascht, doch sie erhält viel Lob für ihre Offenheit und ihre Fähigkeit, in der Öffentlichkeit über ihre Probleme zu sprechen. „Die Leute sind häufig ein bisschen verblüfft, aber ich mache das auch, weil Menschen zu mir kommen und sagen: ,Hey, ich habe auch eine psychische Störung und finde es wirklich hilfreich zu wissen, dass es jemand anderem genauso geht und dass dieser Jemand sogar in der Lage ist, auf einer Bühne darüber zu sprechen.‘“

Hannah bekommt großen Rückhalt aus Familie und Freundeskreis. Rückblickend sagt sie, ihre Mutter habe ihr das Leben gerettet, als sie sie mit zwölf Jahren zum Psychiater brachte, um zu verstehen, was ihr Problem war. „Die Diagnose hat mir geholfen, mich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, besonders weil ich mit der Schizophrenie nie das Gefühl hatte, irgendwo dazuzugehören“, erinnert sie sich. „Ich hatte das Gefühl, dass mich niemand versteht. Nach der Diagnose Schizophrenie dachte ich nur: ,Wenigstens versteht mich endlich jemand. Endlich ist da eine Gruppe, der ich angehöre.‘“

Hannah liebt Pop- und Rockmusik, hängt gerne mit Freunden ab und mag Filme. Sie reist auch gerne und hat an verschiedenen Konferenzen rund um den Globus teilgenommen, um für die Notwendigkeit zu werben, dass die junge Generation Führungspersönlichkeiten hervorbringt. Hannah möchte unbedingt dazu beitragen, das öffentliche Verständnis für Menschen mit psychischen Störungen und ihr Leben zu verbessern, und berät daher regelmäßig den Stadtrat in dieser Frage. 

„Für mich gehört meine psychische Erkrankung zum Leben dazu“, so Hannah weiter. „Ich habe praktisch schon mein ganzes Leben damit zu tun. Mein Ziel ist es, nicht einfach still zu leiden, sondern andere Menschen darüber aufzuklären, was psychische Störungen bedeuten und wie man damit umgeht.“

Die junge Isländerin weiß besser als die meisten Menschen, wie wichtig es ist, Unterstützung zu bekommen, um Schwierigkeiten im Leben zu meistern. Aus diesem Grund arbeitet sie am Wochenende in einem Pflegeheim für Senioren, wo sie bei den alltäglichen Verrichtungen wie Essen und Zubettgehen hilft. Sie beschreibt diese Tätigkeit als „extrem erfüllend“. „Was ich an der Hilfe für andere am meisten mag, ist, ihre Reaktion zu sehen“, gibt sie zu. „Sie wirken so glücklich, wenn man ihnen hilft, weil sie diese Dinge nicht mehr selbst erledigen können.“

Hannah hat große Pläne für die Zukunft. Im Herbst möchte sie sich für ein Psychologiestudium an der Universität einschreiben. „Ich bin es, die mein Leben bestimmt – nicht meine Schizophrenie“, betont sie. Dank der Unterstützung durch ihre Familie und ihre Freunde und dem Selbstvertrauen, das sie sich beim Fußball holt, ist Hannah entschlossen, zu beweisen und anderen bewusst zu machen, „dass es möglich ist, trotz einer psychischen Störung ein gutes Leben zu führen.“

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