„Ich habe meinen Arm verloren, aber ich bin immer noch dabei“

Die Liebe zum Fußball half dem jungen Serben Ljubomir Moravac, über den partiellen Verlust seines linken Arms durch einen Verkehrsunfall hinwegzukommen. Seine vielversprechende Torwartkarriere musste er beenden, doch will er seinem Sport als Schiedsrichter treu bleiben.

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Von links nach rechts: Schwester Jovanna, Ljubomir, Vater Miroljub und Mutter Maja.
Von links nach rechts: Schwester Jovanna, Ljubomir, Vater Miroljub und Mutter Maja.©Getty Images

Jeden Monat berichtet die UEFA im Rahmen ihrer Kampagne #EqualGame über einen Breitenfußballer oder eine Breitenfußballerin aus einem ihrer 55 Mitgliedsverbände. Sie alle sind Beispiele dafür, wie der Fußball Inklusion, Zugang zum Fußball und Vielfalt fördert und dass Behinderung, Religion, sexuelle Orientierung, ethnische Zugehörigkeit oder soziale Herkunft kein Hindernis sind, Fußball zu spielen und Spaß daran zu haben.

Er hätte aufgeben können, doch mit viel Lebensmut, Stolz, einer positiven Einstellung und vor allem dank seiner unverbrüchlichen Liebe zum Fußball schaffte Ljubo den Weg zurück ins Leben. Hoffnung und Trost schöpfte er besonders aus seinem Sport, der ihm die Kraft gab, nach vorne zu schauen und neue Wege zu gehen. In der Zwischenzeit hat er einen neuen Platz für sich gefunden und lässt sich zum Schiedsrichter ausbilden.
Der aus Niš stammende Moravac begann im Alter von fünf Jahren mit dem Fußballspielen. Er kommt aus einer Fußballerfamilie – Vater und Onkel waren begeisterte Kicker und sein älterer Bruder Ranko schaffte es als Mittelfeldspieler ins serbische Nachwuchsteam. „Der Fußball ist seit jeher Teil meines Lebens“, erklärt er. 

Die Moravac-Brüder Ranko (links) und Ljubo.
Die Moravac-Brüder Ranko (links) und Ljubo.©Getty Images

Sein Onkel war Torhüter und auch Ljubo zeigte auf dieser Position Talent. Als er 16 war, zog er mit seinem Vater, der als Talentscout arbeitete, und Ranko ins slowenische Maribor. Er trat dem NK Maribor bei, wo sein Bruder bereits einen Profivertrag unterschrieben hatte, und stand bald im Aufgebot der Juniorenteams des Klubs. Eine Zeitlang spielten die beiden Brüder gemeinsam in der B-Mannschaft des Vereins, und Ljubos Ziel war es, genauso erfolgreich zu werden wie sein großer Bruder. 

Ljubo im Stadion.
Ljubo im Stadion.©Getty Images

In der Saison 2014/15 war es so weit: Ljubo gehörte der U19-Auswahl an, die für Maribor in der Gruppenphase der UEFA Youth League antrat. Er reiste nach England, Portugal und Deutschland, traf auf Chelsea, Sporting Lissabon und Schalke 04, und träumte davon, Profitorwart zu werden. „Nach dem Schulabschluss beschloss ich, mich ganz auf den Fußball zu konzentrieren. Ich investierte meine gesamte Zeit in den Sport mit dem Ziel, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das war mein größter Wunsch.“

Nachdenken am Fluss.
Nachdenken am Fluss.©Getty Images

Dann kam der 2. August 2016, der sein noch junges Leben auf den Kopf stellte. „Ich stand auf, frühstückte, und ging zum Training“, erinnert er sich. „In der Umkleidekabine haben wir Späßchen gemacht, alles war wie immer, alles war gut – ein ganz normaler Tag...“

Nach dem Training stieg Ljubo mit drei Teamkameraden – dem Stürmer Zoran Baljak, dem Außenverteidiger Damjan Marjanović und dem Innenverteidiger Žiga Lipušček – in ein Auto. Unweit des Trainingsgeländes rammte das Fahrzeug eine Ampel. Zoran und Damjan starben noch an der Unfallstelle, Žiga kam mit kleineren Verletzungen davon. Ljubo wurde aus dem Wagen geschleudert. Bewusstlos wurde er ins Krankenhaus eingeliefert, wo er mehrere Tage lang im Koma lag. Sein linker Arm war so schwer verletzt, dass die Ärzte einen Teil davon amputieren mussten.

Es war ein Einschnitt, der sein Leben dramatisch veränderte, jedoch auch seine positive Lebenseinstellung zum Vorschein brachte. „Ich musste mich an dieses neue Leben gewöhnen. Es ist gar nicht so schlimm, wie manche Leute denken. Man muss einfach stark sein.“ Umgeben von seinen Lieben weigerte er sich, in Selbstmitleid zu versinken. „Ich habe mir gesagt, dass ich das Leben noch vor mir habe und etwas daraus machen kann.“

Die Unterstützung seiner Freunde war sehr wichtig für ihn.
Die Unterstützung seiner Freunde war sehr wichtig für ihn.©Getty Images


Auf seinem Weg zur Genesung sollte der Fußball eine ganz entscheidende Rolle spielen. „Es hat mir von der Einstellung her geholfen. Ich bin Sportler und wollte mich deshalb schon immer beweisen.“ Seinen Überlebenswillen nach dem Unfall vergleicht er mit einem Spiel, das er einfach gewinnen musste. Auch die Hilfe seitens des NK Maribors in seinen schlimmsten Stunden wird er nie vergessen. „Der Klub ist für mich wie eine zweite Familie“, betont er. „Sie haben mir stets zur Seite gestanden und versucht, mir zu helfen. Auch alle meine Freunde waren für mich da, das war unglaublich wichtig.“

Nach anfänglichem Zögern entschied Ljubo sich, dem Fußball auf die eine oder andere Art treu zu bleiben. „Wenn man für den Fußball lebt, dann hilft einem der Fußball immer“, findet er. Maribor schlug ihm vor, eine Ausbildung zum Schiedsrichter zu beginnen, und so ließ er sich auf dieses neue Abenteuer ein.

Ljubo als Schiedrichter vor einer Gruppe Kinder.
Ljubo als Schiedrichter vor einer Gruppe Kinder.©Getty Images

In den vergangenen Monaten hat er vorrangig im Kinderfußballbereich Erfahrungen gesammelt. Die neue Herausforderung spornt ihn an. „Nach dem Unfall war mir zunächst nicht klar, wie es mit dem Fußball weitergehen könnte. Ich dachte, dies sei das Ende meiner Karriere im Fußball. Aber dann habe ich einen Weg gefunden, zurückzukommen. Für mich ist jetzt alles neu. Ich bin kein Spieler mehr, sondern Schiedsrichter, und ich habe vor, dabei zu bleiben.“

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Seine angeborene Entschlossenheit wird Ljubo gewiss helfen, seine Ziele zu erreichen. „Ich möchte in meinem Leben so viel wie möglich erleben und erreichen“, sagt er. „Ich glaube, ich kann es schaffen. Ich habe [den Unfall] überlebt, und das ist ein Privileg, das einen zu positivem Denken zwingt.“

Ljubo verkörpert alles, wofür die UEFA-Kampagne #EqualGame steht. „Ich bin überzeugt davon, dass jeder Teil des Fußballs sein kann“, unterstreicht er. „Es kommt nicht darauf an, wer man ist. Ich habe meinen Arm verloren, aber ich bin immer noch dabei. Ich glaube fest daran, dass der Fußball allen offensteht.“ 

 

 

 

 

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