Beginn einer neuen Ära in Spanien

Durch die Ausrichtung der Endrunde der UEFA Women’s Champions League rücken die Fortschritte des Frauenfußballs in Spanien in den Fokus, wo größere Investitionen offensichtlich Früchte tragen.

Amanda Sampedro von Atlético Madrid in einem Spiel gegen Barcelona am Anfang des Jahres.
Amanda Sampedro von Atlético Madrid in einem Spiel gegen Barcelona am Anfang des Jahres. Getty Images

„Hoffentlich ist das der Beginn einer neuen Ära“, sagt Nationalspielerin Amanda Sampedro von Atlético Madrid, auf die aktuelle Situation des spanischen Frauenfußballs angesprochen. Dieser erzielte in jüngster Zeit trotz der Herausforderungen im Zusammenhang mit COVID-19 vielversprechende Fortschritte.

„Wir machen die Dinge sehr gut“, erklärt die Mittelfeld-Regisseurin. „Letztes Jahr ist Barça dank großartigen Leistungen ins Finale der Champions League gekommen. Auch in diesem Jahr wird auf jeden Fall eine spanische Mannschaft das Halbfinale erreichen, und hoffentlich wird es diese auch ins Endspiel schaffen. Auch in der Nationalmannschaft wird sehr gut gearbeitet. Ich denke, wir machen sehr gute Fortschritte.“

Vor dem bevorstehenden Duell gegen Barcelona im Viertelfinale der UEFA Women’s Champions League kommen bei Sampedro Erinnerungen an eine der größten Sternstunden in der neuen Ära des spanischen Frauenfußballs hoch. Im März 2019 kamen 60 739 Zuschauerinnen und Zuschauer zur Begegnung zwischen Atlético und Barcelona ins Estadio Metropolitano – ein weltweiter Höchstwert für ein Frauen-Meisterschaftsspiel. Das Estadio de San Mamés, wo die Europapokal-Begegnung der beiden Mannschaften stattfindet, war ebenfalls bereits Schauplatz einer ausgezeichnet besuchten Partie im Frauenfußball: Das Pokalspiel zwischen Athletic Bilbao und Atlético Madrid im vergangenen Januar fand vor 48 121 Fans statt.

Diese beiden Meilensteine unterstreichen die Anstrengungen des Spanischen Fußballverbands (RFEF), dem Frauenfußball mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Aus Sicht Sampedros waren diese Spiele ein wichtiger Schritt, der dafür gesorgt habe, dass junge Mädchen gefördert werden und davon träumen können, Fußballerin zu werden: „Vor so vielen Leuten zu spielen, bei uns zu Hause in Madrid, mit unseren Fans, und auch unseren Familien und unserer Mannschaft, die auch zu unserer Familie gehört, war einfach unbeschreiblich.“

Die spanische Nationalspielerin Vicky Losada.
Die spanische Nationalspielerin Vicky Losada.©Getty Images

Steigende Zuschauerzahlen

Barça-Spielführerin Vicky Losada stand bei dem Rekordspiel im Metropolitano ebenfalls auf dem Platz und spricht von einem historischen Ereignis. „Und wir haben die Partie [2:0] gewonnen!“ Sie erklärt sich die wachsende Popularität des Frauenfußballs in Spanien wie folgt: „Die Klubs investieren auf professionelle Weise in ihre Frauenabteilungen, und deshalb sind die Bedingungen für die Spielerinnen besser“, so die Mittelfeldspielerin der spanischen Nationalelf. „TV-Übertragungen und andere Kommunikationsmaßnahmen haben ebenfalls viel dazu beigetragen, unseren Fußball der ganzen Gesellschaft zu zeigen. Die Reaktionen waren positiv, was zeigt, dass ein Interesse vorhanden ist.“

Zu den Maßnahmen zur Steigerung der Aufmerksamkeit gehörte beispielsweise die Anwesenheit von Königin Letizia beim Endspiel der Copa de la Reina 2019 in Granada – das Pokalfinale wurde auf dem frei empfangbaren Sender Telecinco von 1,6 Mio. Fans verfolgt, und bei der Pokalübergabe waren gar 2,2 Mio. Zuschauer zugeschaltet. Einen weiteren Schritt nach vorne stellte die Berichterstattung zur letztjährigen WM-Endrunde in Frankreich dar, zu der 35 spanische Journalisten gereist waren – 2015 in Kanada waren es lediglich vier gewesen. Vier Monate nach der WM verzeichnete das Qualifikationsspiel zur UEFA Women’s EURO 2022 gegen Aserbaidschan in La Coruña die Rekordzahl von 10 444 Zuschauerinnen und Zuschauern.

Professionalisierung des Frauenfußballs

Das Estadio Anoeta, Austragungsort des Endspiels der UEFA Women's Champions League 2019/20.
Das Estadio Anoeta, Austragungsort des Endspiels der UEFA Women's Champions League 2019/20.Getty Images

Die RFEF hat sich zum Ziel gesetzt, Basketball als beliebteste Sportart für Mädchen unter 16 Jahren abzulösen. Die Professionalisierung der beiden höchsten Frauen-Spielklassen im Juni und die Einführung eines landesweit geltenden Mindestgehalts für die Spielerinnen der ersten Liga zeigen, dass man es in Spanien zur Profifußballerin bringen kann. Außerdem dürfte die erste Liga ab der Saison 2020/21 noch mehr Aufmerksamkeit erhalten, nachdem Real Madrid den Hauptstadtverein CD Tacón übernommen hat und fortan selber um den Titel mitspielen wird.

Die 27-jährige Amanda Sampedro hat seit ihren Anfängen bereits zahlreiche Veränderungen miterlebt. „Das mag wie ein Detail aussehen, doch wir trainieren jetzt nicht mehr von 20.00 bis 23.00 Uhr und müssen das Training nicht mehr mit der Arbeit oder einem Studium unter einen Hut bringen, wie das bei vielen Fußballerinnen bisher der Fall war. Jetzt können wir uns ganz auf unseren Sport, unseren Traum, konzentrieren. Wir müssen nun nicht mehr gleichzeitig arbeiten oder studieren, weil unser Fußball zu wenig Wertschätzung erhält.“

Auch Vicky Losada hat die positiven Trends wahrgenommen und ist guter Hoffnung mit Blick auf junge Mädchen, die heute mit dem Fußball beginnen. „Als ich klein war, musste man zuerst mit Jungen spielen. Nur wenige Vereine hatten Mädchenteams, doch das ändert sich jetzt stark. Heute werden die Mädchen besser gefördert und haben mehr Möglichkeiten, weil mehr Vereine über entsprechende Angebote verfügen. Und sie können ihre Träume verfolgen, wenn sie Spielerinnen wie uns in der ersten Liga oder in der Champions League sehen, und wenn sie uns ganz einfach als Profis wahrnehmen, die sich dem Fußball verschrieben haben.“

Potenzial ausschöpfen

Talentierte Spielerinnen gibt es in Spanien schon lange, wie die ausgezeichnete Bilanz in den Nachwuchswettbewerben zeigt. Die spanischen U17-Juniorinnen wurden 2018 Weltmeister und standen bei acht der letzten elf Europameisterschaften im Endspiel, von denen sie vier gewannen. Die U19-Auswahl holte ihrerseits 2017 und 2018 den Europameistertitel. „Was uns jetzt noch fehlt, ist ein großer Titel“, sagt Sampedro, die sich nach all den Erfolgen im Nachwuchsbereich nach einem Titel auf A-Stufe sehnt.

Doch auch hier sind klare Fortschritte erkennbar. Bei der WM-Endrunde 2019 erreichte Spanien zum ersten Mal die K.-o.-Phase und scheiterte im Achtelfinale mit 1:2 am späteren Weltmeister USA. Im März nahmen die Spanierinnen zum ersten Mal am „She Believes Cup“ in den USA teil, wo sie Japan und England besiegten und Barça-Stürmerin Alexia Putellas in beiden Spielen traf. Gegen die Gastgeberinnen mussten sie erneut eine knappe Niederlage einstecken: Julie Ertz erzielte in der 87. Minute den einzigen Treffer der Partie.

Im spanischen Frauenfußball gibt es viel Grund zum Optimismus, und die Austragung des Finalturniers der Women’s Champions League in den baskischen Städten Bilbao und San Sebastián trägt ihren Teil dazu bei. „Auch wenn es dieses Jahr wegen COVID-19 keine Zuschauer gibt, ist es dennoch etwas Besonderes, dass die Champions League in unserem Land stattfindet, in einer Region, in der der Frauenfußball seit Jahren eine wichtige Rolle spielt und wo sich die Leute für uns interessieren“, merkt Vicky Losada an. „Das ist in meinen Augen ein großer Schritt für unseren Sport.“

„Ich habe schon immer gesagt, dass der Fußball im Norden Spaniens auf wunderbare Weise gelebt wird“, fügt Amanda Sampedro hinzu. „Für mich sind beide Stadien und beide Städte perfekt dazu geeignet, die Viertelfinalpartien der Champions League auszurichten und dem Frauenfußball in Spanien zu weiterem Wachstum und weiteren Fortschritten zu verhelfen.“

Dieser Artikel stammt aus dem offiziellen Programm zum Endspiel der UEFA Women’s Champions League 2020. Das Programm kann hier bestellt werden.