„Ein Weckruf für die Gesellschaft und den europäischen Fußball als Ganzes“

UEFA-Präsident Aleksander Čeferin erklärt, warum es im Rahmen der Bemühungen der UEFA, Rassismus aus dem europäischen Fußball zu verbannen, so wichtig ist, Fußballerinnen und Fußballer zu ermutigen, offen über ihre persönlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit Diskriminierung zu sprechen.

Aleksander Čeferin
Aleksander Čeferin UEFA via Getty Images

2020 ist ein Jahr, in dem Bürgerinnen und Bürger auf der ganzen Welt aktiv geworden sind, um auf zwei außerordentliche Ereignisse zu reagieren: erstens den Schutz unserer Familien und der Gesellschaft vor der globalen COVID-19-Pandemie und zweitens das Eintreten für gleiche Rechte und Gerechtigkeit für alle.

Es ist ein Weckruf für die Gesellschaft und den europäischen Fußball als Ganzes. Es ist eine Tatsache, dass Milliarden Fans dem Fußball mitunter mehr Aufmerksamkeit schenken als ihren gewählten Politikerinnen und Politikern. In einer Krise bedeutet ein solch enormer Einfluss und eine solche Reichweite zusätzliche Verantwortung und ich bin stolz darauf, wie der europäische Fußball in Zeiten der Not den Menschen zur Seite gestanden hat.

Seit März haben Nationalverbände, Vereine sowie Fußballerinnen und Fußballer auf dem gesamten Kontinent Spenden gesammelt, um lebensrettende medizinische Ausrüstung zu kaufen sowie älteren und gefährdeten Menschen Lebensmittel zuzustellen; ferner haben sie den Behörden geholfen, wichtige Botschaften zum Schutz der Gesundheit zu verbreiten. Dies zeigt erneut, wie der Fußball in der Lage ist, mit allen Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht und ihrer Glaubensrichtung, zu kommunizieren und sich mit ihnen zu vernetzen.

Gleichzeitig haben sich Vereine sowie Spielerinnen und Spieler solidarisch mit dem Leid, der Wut und der Trauer der Menschen nach dem tragischen Tod von George Floyd in den USA gezeigt. Athletinnen und Athleten verschiedenster Sportarten haben sich eindringlich dazu geäußert, dass jetzt der Augenblick für die Regierungen gekommen sei, ihre Programme gegen Rassismus zu überdenken.

Kalidou Koulibaly über seine Erfahrungen im Zusammenhang mit Rassismus
Kalidou Koulibaly über seine Erfahrungen im Zusammenhang mit Rassismus

Verantwortung der UEFA

Die UEFA hat sich ihrer Verantwortung schon immer gestellt, jegliche Form von Rassismus im europäischen Fußball zu bekämpfen und konkrete Schritte gegen die unerträgliche Verwendung rassistischer Sprache gegen Spielerinnen und Spieler zu ergreifen.

Abseits des Rasens arbeiten wir Hand in Hand mit Nicht-Regierungsorganisationen wie Fußball gegen Rassismus in Europa (FARE), einem Netzwerk aus Fanklubs, Spielergewerkschaften, Fußballverbänden und ethnischen Minderheitengruppen, das sich in ganz Europa gegen Rassismus und Ungleichheit einsetzt. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit wurden die UEFA-Richtlinien zu bewährten Vorgehensweisen im Kampf gegen Rassismus für Vereine und Nationalverbände weiter ausgearbeitet, darunter ein Zehn-Punkte-Plan, der im Zentrum unseres Auftrags zum Schutz des Fußballs steht. Auf dem Rasen erhalten die Unparteiischen anhand des dreistufigen Verfahrens der UEFA das Recht, Spiele im Fall von rassistischen Vorfällen zu unter- oder gar abzubrechen. Ferner nutzt die UEFA – und wird dies auch im August tun – die globale Reichweite ihrer Wettbewerbe, um die Botschaft „Nein zu Rassismus“ zu verbreiten.

Notwendigkeit eines gemeinsamen Handelns

Allerdings ist im Angesicht der jüngsten Ereignisse klar, dass Sensibilisierung alleine nicht ausreicht. Zusammen mit allen Beteiligten im europäischen Fußball müssen wir unseren Sport weiterentwickeln und einen qualitativ anderen Ansatz finden, um systembedingten Rassismus aus dem Fußball zu eliminieren.

Selbst für einen Dachverband wie die UEFA ist das keine leichte Aufgabe. Rassismus und Diskriminierung sind in der Gesellschaft tief verwurzelt. Ohne ein abgestimmtes Handeln von Regierungen und nationalen Einrichtungen wie Schulen wird sich in diesem Zusammenhang nichts ändern.

Dies darf jedoch keine Entschuldigung dafür sein, dass sich der Fußball seiner Verantwortung entzieht. Mit 55 Mitgliedsverbänden und Millionen Zuschauern ist die UEFA gut aufgestellt, Fans, Spielerinnen und Spielern, Vereine, Ligen, Dachverbände und Medien zu verbinden und koordiniert aufzutreten. Um Rassismus auszumerzen, müssen wir zusammenstehen und gemeinsam handeln.

Nadia Nadim über Rassismus
Nadia Nadim über Rassismus

1. Schritt: Verstehen, wie Rassismus im Sport tatsächlich funktioniert

In einem ersten Schritt muss der Ansatz der UEFA und des europäischen Fußballs weiterentwickelt werden. Dafür müssen wir die jüngsten emotionalen Äußerungen von Fußballerinnen und Fußballern sowie Fans, die ihre Frustration aus Angst vor Repressalien zu lange zurückgehalten haben, als Grundlage nutzen. Wir müssen nicht nur eine offene Debatte über Vielfalt und Einbindung führen, sondern ein tiefgreifendes Verständnis dafür entwickeln, wie Rassismus die verschiedenen Ebenen des Fußballs durchdringt: von oben nach unten, von der Vorstandsetage bis auf das Trainingsgelände junger Nachwuchstalente.

Dies ist keine angenehme Aufgabe, aber wir werden keine anderen Lösungen finden, ohne zunächst zu identifizieren, was nicht funktioniert. Es bedeutet, Einzelne aufzufordern, weiter offen über Rassismus im Fußball zu sprechen, selbst wenn das Thema aus den Schlagzeilen verschwunden ist.

Als Zeichen dafür, dass die UEFA verstanden hat, wie wichtig es ist, zunächst zuzuhören und aus dem Gehörten zu lernen, bevor ein neuer Ansatz entwickelt werden kann, haben wir zahlreiche aktuelle und ehemalige Spitzenspielerinnen und -spieler gebeten, über ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus zu sprechen – aus Kinder- und Profizeiten.

Es lohnt sich, sich einen Augenblick Zeit zu nehmen und diese oftmals bewegenden und äußerst aufschlussreichen Zeugnisse anzusehen. Ich selbst war überrascht, wie früh Rassismus die Fußballträume eines kleinen Jungen oder Mädchens untergraben kann. All diese Spielerinnen und Spieler haben Diskriminierung überwunden, um ihre Ziele zu erreichen, aber ich habe mich gefragt, wie vielen anderen potenziellen Kalidou Koulibalys oder Nadia Nadims die Energie geraubt wurde, stereotype Kommentare oder Bemerkungen auf Grundlage ihrer Hautfarbe, Nationalität, Religion, sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts zu überwinden.

Deshalb verweisen viele Spielerinnen und Spieler immer wieder auf dieselbe Lösung, wenn sie ihre persönliche Perspektive darüber teilen, wo der Fußball mehr Zeit und Ressourcen investieren soll, um einen echten Unterschied zu machen: Die Beliebtheit des Fußballs als Massensport muss dafür genutzt werden, Familien, Trainer, die Gesellschaft und vor allem Kinder entsprechend zu sensibilisieren.

Aleksander Čeferin, UEFA-Präsident