Return to Play: Die UEFA bereitet sich auf die sichere Rückkehr ihrer Elite-Wettbewerbe vor.

Mehr erfahren >

Wie sich die UEFA-Referees fit halten

Während der Fußballbetrieb in Europa aufgrund der COVID-19-Krise ruht, unterstützt die UEFA die besten Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter des Kontinents dabei, ihr Training aufrechtzuerhalten, fit und gesund zu bleiben und zu zeigen, mit welcher Leidenschaft sie ihrem Job nachgehen.

Wie sich die UEFA-Referees fit halten
Wie sich die UEFA-Referees fit halten ©UEFA.com

Dank sorgfältiger Planung, umfangreichen Recherchen und Vorbereitungen, Expertenratschlägen sowie großem Teamgeist und positiver Einstellung seitens aller Beteiligten können die Spielleiter – Schiedsrichter, Schiedsrichterassistenten und Video-Schiedsrichterassistenten (VSA) – weiter trainieren und sich fachlich weiterentwickeln, bis der Ball wieder rollt.

Der Vorsitzende der UEFA-Schiedsrichterkommission Roberto Rosetti erläutert, wie die UEFA die Referees in dieser schwierigen Zeit auf der Höhe ihrer Kunst hält.

Video: Die ungarische Schiedsrichterin Katalin Kulcsár trainiert auf ihrem Balkon. (MLSZ)
Hauptbild: Lachende Gesichter am Ende eines Online-Gruppentrainings. (UEFA)

„Als die Pandemie ausbrach, habe ich den Schiedsrichtern zuerst einen offenen Brief geschrieben“, erklärt Roberto Rosetti gegenüber UEFA.com. „Ich habe sie in erster Linie darum gebeten, auf sich und ihre Familien Acht zu nehmen, und ich habe ihnen versprochen, dass wir während der Krise weiter gemeinsam als Team arbeiten und Lösungen finden würden, um aktiv zu bleiben.

Roberto Rosetti.
Roberto Rosetti.©UEFA.com

Danach haben wir – d.h. die UEFA-Schiedsrichterverantwortlichen Dagmar Damkovà, Hugh Dallas, Marc Batta, Vlado Sajn und ich – die Referees einzeln kontaktiert, weil uns der menschliche Kontakt in dieser schwierigen Zeit sehr wichtig erschien und wir zeigen wollten, dass wir das gemeinsam durchstehen würden. Und dann haben wir begonnen, fachliche und körperliche Aktivitäten für sie vorzubereiten.“

An Erfahrung mangelte es hierfür nicht: Professor Werner Helsen, Sportwissenschaftler von der Katholischen Universität Löwen in Belgien und langjähriger UEFA-Experte für das Schiedsrichter-Fitnesstraining, schickte sich umgehend an, aus einer Vielzahl von Quellen Informationen und Ideen zusammenzutragen. Sein Einsatz trug Früchte und mündete in einem Programm aus Fitnessübungen für Zuhause und Online-Trainingsgruppen. „Das Programm muss natürlich jeweils den Gegebenheiten in den einzelnen Ländern angepasst werden“, so Roberto Rosetti.

„Perception 4 Perfection“

Neben diesem Trainingsprogramm wurde für die Schiedsrichter, Assistenten und VSA das Online-Tool „Perception 4 Perfection“ (Perfektion durch Wahrnehmung) entwickelt, mit dem anhand von Videoclips Entscheidungen im Zusammenhang mit Foul-, Abseits- und Torsituationen geübt werden können (mit dazugehörigem Feedback der UEFA-Schiedsrichterverantwortlichen). Es wurden auch Spielszenen zusammengeschnitten, anhand derer die Unparteiischen ihre eigenen Leistungen analysieren und Verbesserungspotenzial erkennen können.

Zu den einzelnen Videoclips können sie sich direkt mit den UEFA-Schiedsrichterverantwortlichen austauschen, womit der analytische Aspekt des Schiedsrichterjobs auch während der Pandemie gewährleistet ist.

Physisches und mentales Training

Der portugiesische Schiedsrichter Artur Soares Dias nimmt am UEFA-Programm teil.
Der portugiesische Schiedsrichter Artur Soares Dias nimmt am UEFA-Programm teil.©FPF

Die von Werner Helsen vorbereiteten Übungen für Zuhause und in der Gruppe sind sehr vielfältig und facettenreich. Neben physischen Übungen wie Kraft-, Herz-Kreislauf- und funktionalem Training, für das kaum Geräte benötigt werden, umfasst das Programm auch Tipps mit Blick auf die mentale Verfassung – so etwa Ruhe und Gelassenheit, Stressvermeidung, Yoga und Aufmerksamkeit. „Unsere Referees sind bereits extrem belastbar, weil sie gelernt haben, mit Druck umzugehen“, betont Rosetti. „In dieser außergewöhnlichen Zeit war es uns jedoch wichtig, ihnen die Möglichkeit eines ,mentalen Trainings‘ zu geben und sie so zu begleiten.“

Roberto Rosetti legt Wert darauf, den bedeutenden Beitrag zu würdigen, den Werner Helsen und sein Team derzeit leisten: „Wir arbeiten nun seit vielen Jahren zusammen. „Er ist auf seinem Gebiet einer der besten weltweit und wir haben das Glück, zum jetzigen Zeitpunkt auf seinen riesigen Erfahrungsschatz und sein Fachwissen zählen zu können.“

Die UEFA-Referees – ein Team für sich

Der maltesische Unparteiische Fyodor Zammit hält sich Zuhause fit.
Der maltesische Unparteiische Fyodor Zammit hält sich Zuhause fit.©MFA

Das Zusammengehörigkeitsgefühl in der UEFA-Schiedsrichtergilde ist in der aktuellen Situation besonders ausgeprägt. „Es gehört immer zu unserem Gesamtkonzept, dass wir als solide Einheit funktionieren“, erklärt Rosetti. „Das ist jetzt umso mehr der Fall. Die Referees stehen untereinander in Kontakt, ermutigen sich gegenseitig, erkunden sich nach dem Wohlbefinden der anderen – das macht die Stärke unseres Teams aus.“ Roberto Rosetti selber hält mit den UEFA-Schiedsrichterverantwortlichen wöchentlich Videokonferenzen ab, um Pläne und Strategien für die Gegenwart und Zukunft zu besprechen.

Wie malt er sich die Zeit nach der Krise aus, wenn die Unparteiischen wieder Spiele leiten und ihre Rolle als Botschafter des Fußballs ausüben? „Ich liebe den Fußball und den Schiedsrichterjob, von dem her werde ich mich ebenso stark freuen wie jeder andere Fan unseres Sports auch, wenn es wieder losgeht“, so der ehemalige Topreferee. „Ich denke aber, dass die Krise eine breitere Wirkung haben wird. Wir werden immer noch unsere Ziele und Ambitionen verfolgen – doch ich bin überzeugt, dass wir alle gelernt haben werden, worauf es im Leben wirklich ankommt.“

Werner Helsen, Sportwissenschaftler und UEFA-Fitnessexperte, über das Training der europäischen Schiedsrichter während der COVID-19-Krise

Werner Helsen.
Werner Helsen.©Sportsfile

UEFA.com: Wie schnell konnten Sie das funktionale Trainingsprogramm auf die Beine stellen, als sich die Krise ausweitete – und wie sehr half Ihnen dabei Ihre große Erfahrung?  
Werner Helsen: Als Sportwissenschaftler habe ich das Glück, Zugang zu den aktuellsten Informationen zu haben. Außerdem haben wir gelernt, vorauszuschauen und uns stets Gedanken über neue Hilfsmittel und Technologien zu machen, mit denen die Spielleiter möglichst professionell unterstützt werden können.

Dadurch war ich in der Lage, die Schiedsrichter schon kurz nach den letzten ausgetragenen Champions-League-Spielen mit Informationen zu versorgen – über Training und Ernährung zur Stärkung des Immunsystems gegen COVID-19, funktionales Training für Zuhause, mentales Training, einfache und nützliche Tipps für einen gesunden Schlaf während einer Quarantäne, Fitnessübungen für Zuhause, Erhalt der Muskelmasse... Alle möglichen Informationen, die für Referees ebenso nützlich sind wie für Spieler.

Topreferees sind Spitzenathleten wie die Spieler und werden auch im mentalen Bereich geschult. Wie wichtig sind die mentalen Trainingsübungen, die Sie ihnen derzeit bereitstellen? 
Sie sind äußerst wichtig, da sie eine ideale Ergänzung zu den physischen Einheiten darstellen und in dieser speziellen Zeit auch der Ablenkung dienen. Aus diesem Grund habe ich den Schiedsrichtern eine Liste möglicher Übungen und Websites für „Gehirntraining“, Umgang mit Stress und Aufmerksamkeit zur Verfügung gestellt. In den Online-Gruppensitzungen haben wir auch an Hirn- und Körperaktivierung gearbeitet.

Der estnische Referee Kristo Tohver bei einer Fitnessübung.
Der estnische Referee Kristo Tohver bei einer Fitnessübung.©EJL

Wovon raten Sie Schiedsrichtern in der aktuellen Situation ab?
Wir empfehlen ihnen, nicht zu intensiv zu trainieren. Ein übermäßig intensives Training kann das Immunsystem schwächen und das Risiko einer COVID-19-Ansteckung erhöhen. Aus diesen Gründen sollte man während der Epidemie nicht allzu hart trainieren und auch die Zahl der Trainings mit hoher Intensität auf zwei Einheiten von maximal einer Stunde pro Woche begrenzen.

Auch für Sie und Ihren Arbeitsalltag ist diese Situation eine neue Erfahrung. Was werden Sie daraus lernen, und was werden die Referees Ihrer Meinung nach daraus lernen?
Persönlich habe ich neue E-Learning-Technologien kennengelernt, die wir im Rahmen unserer Arbeit der letzten Wochen anwenden konnten. Wie Johan Cruyff einst sagte: „Jeder Nachteil hat einen Vorteil.“

Wir haben gezeigt, wie flexibel wir alle sein können. Es ist unglaublich, wie schnell wir alle den Quarantäne-Weisungen gefolgt sind, wenn man bedenkt, wie stark sich diese auf unseren persönlichen und beruflichen Alltag auswirken. Das gilt auch für die Schiedsrichter. Sie haben sich hinsichtlich ihres Trainings ebenso flexibel gezeigt.

Spüren Sie wie Roberto Rosetti auch diesen starken Zusammenhalt unter den Unparteiischen? 
Mehr denn je! Einer der Hauptgründe, weshalb die Schiedsrichter die Online-Gruppentrainings mögen, ist die Tatsache, dass sie sich sehen und austauschen können. Es ist ein großartiger Weg, um in Kontakt zu bleiben. Wir müssen in dieser schwierigen Zeit als Team auftreten, mehr als je zuvor!

Sie freuen sich sicherlich auf den Tag, an dem Sie die Referees wieder unter freiem Himmel zu einem UEFA-Kurs begrüßen dürfen? 
Das wird natürlich für uns alle etwas Besonderes. In der Zwischenzeit regen wir die Unparteiischen dazu an, ihre bildliche Vorstellungskraft einzusetzen. Die Schiedsrichter für Männerspiele sollen sich zum Beispiel vorstellen, wie sie am Vorbereitungsworkshop für die EURO 2020 oder am Turnier selber teilnehmen. Das soll ihnen dabei helfen, mit einer positiven Einstellung an die künftigen Herausforderungen zu denken...

 

 

 

 

Oben