UEFA-Präsident Aleksander Čeferin: „Ideale zählen mehr als Gewinne. Das ist der Schlüssel.“

In seiner Rede an den 44. Ordentlichen UEFA-Kongress in Amsterdam hat UEFA-Präsident Aleksander Čeferin die europäische Fußballgemeinde dazu aufgerufen, eine Überkommerzialisierung des Fußballs zu verhindern.

UEFA-Präsident Aleksander Čeferin.
UEFA-Präsident Aleksander Čeferin. ©UEFA.com

UEFA-Präsident Aleksander Čeferin bezeichnete den europäischen Fußball am Dienstag als „größte Erfolgsgeschichte im modernen Sport“, forderte jedoch gleichzeitig alle Akteure des europäischen Fußballs auf, Ideale stärker zu gewichten als Gewinne.

In seiner Rede an den 44. Ordentlichen UEFA-Kongress in Amsterdam gab er das Versprechen ab, dass die UEFA den Fußball durch den angemessenen und effizienten Einsatz all ihrer Ressourcen weiter fördern und kontinuierlich weiterentwickeln werde.

„Sollten wir unseren Erfolg lediglich anhand von Geschäftszahlen messen [oder sollten wir] in der Lage sein, mutige Entscheidungen zu treffen, die nicht immer von finanziellen Interessen geleitet sind?“, fragte der UEFA-Präsident. „Ideale zählen mehr als Gewinne. Das ist der Schlüssel.“

Erfolge und Errungenschaften

UEFA-Präsident Aleksander Čeferin versprach, den europäischen Fußball weiter zu fördern und kontinuierlich weiterzuentwickeln.
UEFA-Präsident Aleksander Čeferin versprach, den europäischen Fußball weiter zu fördern und kontinuierlich weiterzuentwickeln.©UEFA.com

Bei der Jahresversammlung der Delegierten der 55 UEFA-Mitgliedsverbände berichtete Aleksander Čeferin über die aktuellen Erfolge der UEFA und des europäischen Fußballs:

• Von 2016 bis 2020 hat die UEFA Gesamteinnahmen von über 15 Milliarden Euro erzielt.

• Im Geschäftsjahr 2018/19 konnte sie ihre Einnahmen um 38 % steigern.

• Das Budget der UEFA-Stiftung für Kinder, deren Projekte fast einer Million benachteiligter Kinder weltweit zugutekommen, wurde verdoppelt.

• 87 % der UEFA-Einnahmen fließen in den gesamten europäischen Fußball zurück.

• Mit rund 20 Millionen registrierten Spielerinnen und Spielern, über 160 000 qualifizierten Referees, 144 000 Amateurvereinen und 1 800 Profiklubs wird die europäische Fußballgemeinde immer größer.

• Das Endspiel der UEFA Champions League ist das meistverfolgte jährliche Klubfußballevent weltweit.

• Die weltweite Gesamtzuschauerzahl sämtlicher UEFA-Spiele innerhalb eines Dreijahreszyklus beträgt 13 Milliarden.

• Im Zusammenhang mit UEFA-Wettbewerben wurden letzte Saison über 18 Milliarden Interaktionen in den sozialen Medien verzeichnet.

Schützen, fördern, weiterentwickeln

„Sollten wir uns für unseren Erfolg schämen?“, so der UEFA-Präsident weiter. „Es kommt darauf an, was wir aus diesem Erfolg machen.“ Unser Hauptziel besteht darin, den Fußball in ganz Europa zu schützen, zu fördern und weiterzuentwickeln. Ich würde sogar sagen, dass Macht wertlos ist, solange Ideale nicht mehr zählen als Gewinne.“

Verteidigung des europäischen Sportmodells

Aleksander Čeferin betonte, dass das auf Auf- und Abstieg sowie dem Solidaritätsprinzip beruhende europäische Sportmodell „energisch, überzeugend und legitim“ verteidigt werden müsse.

„Wenn wir dank unserem Erfolg in der Lage sind, die sich abzeichnenden Bedrohungen abzuwenden, dann dürfen wir stolz sein. Diese Bedrohungen sind alarmierend. Wir müssen auf das Schlimmste gefasst sein, um es verhindern zu können. Die Fußballpyramide ist ein empfindliches Gebilde, das nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden darf. Gewisse Projekte, die zum Teil auf anderen Kontinenten mit staatlicher Unterstützung entwickelt wurden, sind besonders besorgniserregend.“

„Kein Business wie jedes andere“

„Fußball ist kein Business wie jedes andere“, fuhr der UEFA-Präsident fort. „Fußball hat Geschichte, Tradition und Strukturen, die bewahrt werden müssen. Unsere Prinzipien sowie unsere Geschichte, Tradition und Struktur sind der Grund für unseren aktuellen Erfolg. [Sie] haben es dem Fußball ermöglicht, sich von anderen Sportarten abzuheben, und haben dem europäischen Fußball seine dominierende Stellung eingebracht. Diese Elemente in Frage zu stellen, wäre das Todesurteil für unseren Sport.“

„Unantastbare Grundsätze“

UEFA-Präsident Aleksander Čeferin leitet den UEFA-Kongress.
UEFA-Präsident Aleksander Čeferin leitet den UEFA-Kongress.©UEFA.com

„Es gibt bestimmte Grundsätze, die unantastbar sind“, so der UEFA-Präsident. „Das Recht der Konföderationen, kontinentale Wettbewerbe zu veranstalten, ist unveräußerlich. Die Prinzipien von Solidarität, Auf- und Abstieg sowie von offenen Ligen sind ebenso wenig verhandelbar.“

„Wenn wir dank unserem Erfolg in der Lage sind, eine Überkommerzialisierung des Fußballs zu verhindern [...], den Fußball auf dem ganzen Kontinent weiter[zu]entwickeln, für sozialen Zusammenhalt einzustehen und künftigen Generationen zu zeigen, dass Fußball gleichbedeutend mit Offenheit, Toleranz und Vielfalt sein muss, dann dürfen wir stolz sein. Wir sind die Hüter eines Vermächtnisses. Wir sind hier, um das Spiel, seine Spieler und seine Geschichte zu schützen. Wenn uns das gelingt, wird es unser größter Erfolg sein.“

Inklusion und gesellschaftliche Kraft des Fußballs fördern

Aleksander Čeferin betonte, dass der Fußball auf dem ganzen Kontinent weiterentwickelt werden müsse – deshalb würden 87 % der UEFA-Einnahmen in den gesamten europäischen Fußball zurückfließen. Die UEFA wolle Mädchen und Jungen aus allen Bereichen der Gesellschaft – ungeachtet von ethnischer Zugehörigkeit, sozialem oder religiösem Hintergrund – die Chance geben, unter bestmöglichen Bedingungen Fußball zu spielen.

Dank ihres Erfolgs habe die UEFA auch das Budget der UEFA-Stiftung für Kinder verdoppeln können, deren Projekte fast einer Million benachteiligter Kinder weltweit zugutekämen.

Ferner wies der UEFA-Präsident darauf hin, dass die UEFA Solidaritätsprogramme zugunsten der schwächsten Nationalverbände außerhalb Europas finanziere und nicht davor zurückschrecke, „kompromisslose Botschaften an eine allzu oft männlich dominierte, frauenfeindliche und konservative Welt“ zu senden.

Frauenfußball – eine große Chance

Dank ihres Erfolgs habe die UEFA zudem die Möglichkeit, in den Frauenfußball zu investieren, fuhr der UEFA-Präsident fort, und bezeichnete die Women’s EURO 2021 in England als „wunderbare Chance“. Er erklärte ferner: „Wir müssen dieses Turnier dazu nutzen, neue Maßstäbe zu setzen und eine Zeitenwende einzuläuten – um Millionen von Mädchen zu inspirieren, die davon träumen, die nächste Topspielerin, Topschiedsrichterin oder Toptrainerin zu werden.“

Rassismus aus den Stadien verbannen

Im Zusammenhang mit dem Thema Rassismus in Fußballstadien betonte Aleksander Čeferin, dass die UEFA noch viel Arbeit vor sich habe. „Viele von uns sind entsetzt darüber, was wir in dieser Saison in manchen europäischen Stadien miterleben mussten. Das ist nicht Fußball. Fußball ist in erster Linie ein Fest des Lebens, der Zusammengehörigkeit und der Einheit. Es ist ein Austausch. Es geht darum, zu teilen. Das Problem ist nicht auf dem Spielfeld – hier herrscht eine größere Vielfalt als in jeder anderen Sportart und wahrscheinlich in jedem anderen Bereich des gesellschaftlichen Lebens. Das Problem ist in unserer Gesellschaft. Das Problem ist auf den Rängen. Die Dinge müssen sich ändern.“

Der UEFA-Präsident rief dazu auf, das dreistufige Verfahren konsequent anzuwenden, das Schiedsrichter dazu ermächtigt, ein Spiel bei rassistischen Vorfällen zu unterbrechen, vorübergehend auszusetzen oder gar ganz abzubrechen. „In den letzten drei Spielzeiten haben die UEFA-Disziplinarinstanzen nach Vorfällen von Diskriminierung 73 Teilschließungen von Stadien sowie 39 Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit angeordnet. Das zeigt, dass wir zurzeit das in unser Macht Stehende tun. Es zeigt aber auch, wie ernst das Problem ist, und dass wir mehr unternehmen müssen.“

UEFA EURO 2020 – ein Fest der Einheit

Zum Abschluss seiner Rede brachte Aleksander Čeferin seine von Millionen Fußballfans geteilte Vorfreude auf die EURO 2020 zum Ausdruck, die aus Anlass des 60-jährigen Bestehens der UEFA-Fußball-Europameisterschaft in zwölf Städten in ganz Europa ausgetragen wird.

„Das europäische Ideal wird im Rampenlicht stehen. Ein vereinter Kontinent. Ein Turnier mit 51 Spielen, während [dem die Menschen in allen Ländern] ihre Mannschaften unterstützen und ihre Helden feiern. Zwölf Länder, zwölf Städte, zwölf Stadien, 24 Mannschaften, Millionen von Fans, Hunderte Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen. Und eine europäische Bestimmung.“

Ein gemeinsamer Traum

„Es wird schön. Es wird groß. Es wird der Fußball sein, den wir lieben. Ein Traum, den alle Spieler und ihre Fans teilen“, so der UEFA-Präsident abschließend. „Ein einfacher Traum, ein perfekter Traum, ein Kindheitstraum: einen 60-jährigen Pokal hochstemmen und Geschichte schreiben.“

„Ideale zählen mehr als Gewinne. So einfach ist das.“