Türkei und Niederlande im Fernduell

Der Türkei oder den Niederlanden - oder beiden - droht an diesem Wochenende das Aus in der Qualifikation zur UEFA EURO 2016; die Landes- Korrespondenten von UEFA.com analysieren die Probleme der beiden Teams.

Auch Memphis Depay konnte sich letzten Monat in Konya nicht durchsetzen
Auch Memphis Depay konnte sich letzten Monat in Konya nicht durchsetzen ©AFP/Getty Images

Es ist schon erstaunlich, da wird die Endrunde der UEFA-Europameisterschaft 2016 erstmals mit 24 Teams ausgetragen und trotzdem könnten die Türkei oder die Niederlande - oder sogar beide - dann vor dem Fernseher sitzen. In der Gruppe A stehen nämlich die Tschechische Republik und Island schon als die zwei Teams fest, die sich direkt für Frankreich qualifizieren, den beiden anderen hoch gehandelten Teams bleibt nur noch die Hoffnung auf einen Platz in den Play-offs; der türkische und der niederländische Korrespondent von UEFA.com analysieren die Chancen ihrer Teams.

Warum lief die Quali so schlecht?
Türker Tozar: Die Türkei hat ihre Gegner einfach unterschätzt; viel zu offensiv eingestellt ging man in Island mit 0:3 unter. Mit ein bisschen Pech und viel Unvermögen beim Torschuss ließ man gegen die Tschechen und Lettland fünf weitere Punkte liegen. Außerdem beklagt Trainer Fatih Terim, dass die Türkei keine international erstklassigen Abwehrspieler hat. Da die Türkei in der Qualifikation regelmäßig unter Wert spielt, ist sie mittlerweile fast schon Stammgast in den Play-off-Duellen. Vielleicht mögen wir einfach den schwereren Weg!

Berend Scholten: Unter Louis van Gaal standen die Niederlande vor einem Jahr im Halbfinale der FIFA-WM, unter seinem Nachfolger Guus Hiddink erwarteten alle eine mühelose Qualifikation für die EURO in Frankreich. Durch die Umstellung von Van Gaals 5-3-2 auf das eher klassisch niederländische 4-3-3 schien die Mannschaft verunsichert. Als Hiddink dann nach einer 0:2-Testspielniederlage gegen Italien zum 5-3-2 zurückkehrte, ging alles schief. Im Auftaktspiel der Qualifikation setzte es eine 1:2-Pleite gegen die Tschechen. Seitdem scheint das Selbstvertrauen im Keller.

Was wurde versucht, um das Ruder herumzudrehen?
Türker Tozar:
Fatih Terim hat es geschafft, nach dem handgreiflichen Zwist zwischen Gökhan Töre, Hakan Çalhanoğlu und Ömer Toprak wieder für Ruhe im Team zu sorgen. Außerdem gelang es ihm, mit Hakan Balta und Serdar Aziz ein zumindest solides Innenverteidiger-Pärchen zu formen. Dank der starken Auftritte der offensiven Flügelspieler Arda Turan und Hakan Çalhanoğlu wurde das Spiel der Türken unberechenbarer, auch wenn man immer noch große Probleme gegen stark defensiv ausgerichtete Mannschaften hat.

Berend Scholten: Eigentlich sollte Danny Blind erst nach der UEFA EURO 2016 Hiddinks Nachfolge antreten, doch nach dessen Abschied musste der einstige Ajax-Star schon am 1. August – seinem 54. Geburtstag - ran. "Hiddink und ich kommen beide aus der alten niederländischen Schule, wir glauben an eine gewisse Art des Fußballs", erklärte er gegenüber UEFA.com und versprach nur geringfügige Änderungen am Spielstil seiner neuen Mannschaft. Arjen Robben ersetzte Robin van Persie als Kapitän, verletzte sich aber schon in der ersten Hälfte der Partie gegen Island. Als dann auch noch Bruno Martins Indi vom Platz flog, war die Aufbruchsstimmung schon wieder dahin und die Isländer siegten mit 1:0. Drei Tage später folgte eine noch peinlichere 0:3-Klatsche in der Türkei.

Glauben die Fans noch an ihr Team?
Türker Tozar:
Vor dem Sieg gegen die Holländer in Konya hätte keiner der Fans auch nur einen Pfifferling auf unser Team gesetzt. Jetzt ist die Begeisterung allerdings wieder groß, für das Auswärtsspiel in Prag waren die Tickets rasch ausverkauft. Auch die Hoffnung auf einen Sieg gegen Island am letzten Spieltag ist groß. Vier Punkte würden aus diesen beiden Spielen genügen. Bitter, dass Burak Yılmaz derzeit nicht mit der Mannschaft trainieren kann und seine Ersatzleute Umut Bulut und Mevlüt Erdinç völlig außer Form sind.

Berend Scholten: Die Niederlagen im September sowie die Verletzung von Robben haben Befürchtungen vor einer länger andauernden Talfahrt geweckt, jetzt hofft man vor allem darauf, dass die Türkei dem Druck nicht gewachsen ist, Fenerbahçe-Stürmer Van Persie meinte: "Ich habe bei den Spielern meines Klubs ein enormes Selbstvertrauen festgestellt, keiner zweifelt daran, dass sie es schaffen, aber glauben Sie mir, sie werden mit Sicherheit den einen oder anderen Fehler machen. Wir müssen auf jeden Fall unsere beiden Spiele gewinnen, egal wie."

Was würde bei einem Scheitern passieren?
Türker Tozar:
Als 'Fußballdirektor der Türkei' engagiert, hat Fatih Terim schon mehrfach betont, dass er seine Rolle nicht nur darin sieht, die Nationalmannschaft zu Endrunden zu führen. Der Präsident des türkischen Fußballverbandes (TFF), Yıldırım Demirören, hat ihm den Rücken gestärkt und selbst die Medien haben sich in ihrer Kritik zurückgehalten. Jeder weiß, dass die Leistungen der Nationalmannschaft nicht die Ursache, sondern nur die Folge der Probleme im türkischen Fußball sind.

Berend Scholten: Blind hat unmittelbar vor seinem Amtsantritt unterstrichen, wie wichtig die Teilnahme an der UEFA EURO 2016 für die Oranje ist. "Das ist für den gesamten holländischen Fußball von größter Bedeutung", sagte er gegenüber UEFA.com: "Was könnte es Schöneres geben, als eine Endrunde gleich um die Ecke in Frankreich?" Es wäre die erste EURO seit 1984 ohne die Niederländer – und die erste verpasste Endrunde seit der WM 2002 - die Auswirkungen auf die niederländische Fußball-Psyche könnten verheerend sein.

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