
Jahrelang kannte die deutsche Nationalmannschaft unter Joachim Löw nur einen Weg: nach oben. Der Öffentlichkeit wurde er als Taktiker hinter Jürgen Klinsmanns Sommermärchen 2006 bekannt, dann kam man unerwartet bis ins Finale der UEFA EURO 2008, ehe eine jugendliche Mannschaft bei der FIFA-WM 2010 begeisterte. Löw und sein Trainerteam waren sakrosankt, was immer sie anfassten, schien ihnen zu gelingen. Deutschlands modernder Trainer und eine junge Mannschaft mit modernen offensivem Fußball schienen ein Versprechen auf kommende Titel. Die Halbfinal-Niederlage gegen Italien (1:2) bei der UEFA EURO 2012 war da ein herber Dämpfer.
Die Kritik, die in den Wochen danach auf die Nationalmannschaft einprasselte, war überzogen. Doch Fußball-Deutschland zweifelt ein wenig an den wahren Fähigkeiten seiner Nationalmannschaft, die zu allem Überfluss auch noch das Testländerspiel gegen Argentinien im August unglücklich mit 1:3 verlor. Somit stehen Löws Männer - und vor allem auch er selbst - nun unter Druck.
Erstmals in seiner Amtszeit wird die Nationalmannschaft richtig kritisch beäugt - für die Öffentlichkeit ist sie, vielleicht mehr noch ihr Trainer - in der Bringschuld. Ist sie trotz des jungen Durchschnittsalters in der Lage, bei der WM in Brasilien ein Titelkandidat zu sein? Ein erstes Augenmerk hierfür wird die Qualifikation zur Weltmeisterschaft sein. "Es fehlt noch irgendwas. Die Mannschaft hat jedes Halbfinale gesehen, viel dritte Plätze erreicht. Da fehlt noch der entscheidende Schritt. Ich hoffe, dass wir auch mal dabei sind, was hochzuhalten", sagt Per Mertesacker.
"Das Gefühl aus vergangenen Zeiten, wenn wir den Ball haben, sind wir aktiv, und wenn nicht, lassen wir uns fallen - das müssen wir komplett ändern", fordert Löw von seinen Auserwählten, zu denen der verletzte Mario Gomez und der bei der UEFA EURO 2012 formschwache Bastian Schweinsteiger erst mal nicht gehören. Spanien und Barcelona sind das Vorbild: "Unsere Aufgabe in den nächsten Monaten wird sein, auch gegen offensive Mannschaften ein hohes Pressing zu spielen. Gegen den Ball aktiver zu verteidigen. Da müssen alle mitarbeiten. Und es ist trainingsintensiv. Das müssen wir jetzt angehen
. Vor der EM war zu wenig Zeit, das komplett zu verinnerlichen", so Löw weiter.
Ein deutlicher Sieg mit schönen Offensivszenen wird von der Mannschaft erwartet, die vom Frankfurter Publikum gegen Argentinien übrigens trotzdem mit Applaus verabschiedet wurde. Der Kredit bei den Fans ist also noch da, doch der Beweis der absoluten Weltspitze muss erbracht werden. Da passt es gut, dass man am Freitag in Hannover mit einem Spiel gegen die Färöer Inseln in die Gruppe C startet.. Allerdings trügt der Ersteindruck: Zweimal spielte Deutschland im Rahmen der Qualifikation zur UEFA EURO 2004 gegen die Färöer, dabei gab es ein 2:0 in Torshavn und ebenfalls in Hannover ein 2:1.
Es ist damit zu rechnen, dass Richtung 2014 ein paar Umbaumaßnahmen in der deutschen Mannschaft anstehen. Auf der Außenverteidigerposition wird Marcel Schmelzer auf links erneut seine Chancen erhalten, so dass Philipp Lahm über rechts kommen soll. Das würde dann vielleicht auf ein Innenverteidigerduo aus Mats Hummels und Jérôme Boateng hindeuten - der bullige Münchner entspricht in der Vorwärtsbewegung nicht den Idealvorstellungen.
Besonders eng geht es nach wie vor im Mittelfeld zu, dort wird vor allem auf den endgültigen Durchbruch von Deutschlands Fußballer des Jahres Marco Reus gehofft, dem Löw attestierte, bei der EURO "internationale Qualitäten" gezeigt zu haben. Im Sturm lautet die Gretchenfrage wohl weiterhin: Mario Gomez oder Miroslav Klose? Oder doch Reus? Klose kann in Gomez' Abwesenheit in Hannover und dann am Dienstag in Wien gegen Österreich schon einmal vorlegen. "Wir wollen beide Spiele gewinnen und ein Zeichen setzen", sagt Löw - am besten so, wie es auf dem Weg nach Polen und in die Ukraine gelang, als man mit zehn Siegen aus zehn Spielen einen neuen Rekord aufstellte.
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