Das Endspiel

Die offizielle Website des europäischen Fußballs

Das Endspiel

Das Endspiel

Lyons emotionale Achterbahnfahrt

Als die neun Düsenjets der Frecce Tricolore über das Stadio del Tricolore in Reggio Emilia flogen und im Rahmen der Eröffnungszeremonie ihre mehrfarbigen Rauchwolken über das Stadion zauberten, war noch niemand bewusst, dass die italienische Luftwaffe die Zuschauer so auf ein Spiel einstimmte, das an Spannung nur schwer zu überbieten war. Mittelfeldspielerin Amandine Henry von Olympique Lyonnais sprach nach der Partie von einer "emotionalen Achterbahnfahrt". Über lange Zeit sah es in der Partie so aus, als würden die Französinnen relativ entspannt Richtung drittem Europapokalsieg marschieren, doch auf diesem Niveau kann man sich nie sicher sein.

©Sportsfile

Ada Hegerberg brachte Lyon früh in Front

Sobald die ungarische Schiedsrichterin Katalin Kulcsár die Partie anpfiff, wurde klar, dass sich beide Trainer für diese so wichtige Partie etwas einfallen ließen. Gérard Prêcheur ließ sein Team in einer ungewohnten 1-3-1-4-2-Formation spielen und stellte dabei Saki Kumagai als defensive Mittelfeldspielerin vor die Dreierabwehrreihe bestehend aus Henry, Wendie Renard und Griedge M’Bock Bathy.

Ralf Kellermanns VfL Wolfsburg spielte ebenfalls ungewohnt in einer 1-4-5-1-Formation. Babett Peter und Nilla Fischer bildeten die Innenverteidigung. Auf den defensiven Außenpositionen agierten Lara Dickenmann rechts und Isabel Kerschowski links. Beide waren zuvor zumeist im Mittelfeld eingesetzt worden. In einem eng besetzten Mittelfeld agierten Élise Bussaglia sowie Vanessa Bernauer und Lena Goeßling. Auf den Flanken kamen dazu noch Anna Blässe und Alexandra Popp. Ganz vorne war alleine auf weiter Flur Zsanett Jakabfi in der Sturmspitze eingesetzt. Dabei waren im Normalfall gut 30 Meter Abstand zwischen der ungarischen Angreiferin und der nächsten Mitspielerin, wann immer sie bei Ballbesitz der französischen Defensive mit intensiven Laufeinlagen und Pressing versuchte, den Gegner zu Ballverlusten zu zwingen.

Prêcheurs Entscheidung, mit drei Abwehrspielerinnen zu agieren, verhinderte eine Überzahl des Wolfsburger Mittelfelds und gab Lyon so eine große Sicherheit im Spiel. Lyon agierte bei eigenem Ballbesitz sehr souverän und äußerst beweglich. So konnten die Französinnen verhindern, dass Wolfsburg zu viel Druck aufbaut. Gleichzeitig wurden die eigenen Angriffe mit starken Kombinationen aufgebaut und Wolfsburg immer wieder tief in die eigene Hälfte gedrückt. Louisa Necib und Camille Abily stachen immer wieder in der Mitte gefährlich zwischen die Abwehrreihen, während Amel Majri auf der linken und Pauline Bremer auf der rechten Seite mit ihren Flanken immer wieder diese beiden Spielerinnen suchten. Letztere bereitete in der 12. Minute dann auch den Führungstreffer von Ada Hegerberg vor. Kumagai spielte den Ball auf Bremer, die Kerschowski stehen ließ und den Ball von der Grundlinie in die Mitte brachte. Dort stand Hegerberg bereit und schoss mit ihrem 13. Treffer des Wettbewerbs zum 1:0 ein.

©AFP/Getty Images

Wolfsburg ließ sich nicht kleinkriegen

Lyon dominierte auch nach der Führung die Partie und Wolfsburg fand über weite Strecken keine Mittel gegen die Angriffe der Französinnen, die Mitte der ersten Hälfte in einer Flut von Eckbällen endeten, aber keine weiteren Treffer brachten. Die Wölfinnen standen äußerst tief und ließen einen Angriff des Gegners nach dem anderen über sich ergehen. Lyon baute dabei von ganz hinten, also beginnend mit Torhüterin Sarah Bouhaddi und der Abwehrreihe, kontrolliert auf und fand immer wieder Lücken. Eugénie Le Sommer diente als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Sturmspitze Hegerberg, und Almuth Schult musste zwischen den Pfosten des Wolfsburger Gehäuses immer wieder mit starken Paraden retten. Besonders hochkarätige Gelegenheiten vergaben dabei Hegerberg mit der Hacke und Le Sommer aus kurzer Distanz.

Durch den großen Druck, unter dem Wolfsburg stand, fiel eine effektive Befreiung auch ungemein schwer. Spielführerin Fischer versuchte, die Mannschaft gestenreich immer wieder darauf hinzuweisen, dass man die eigene Abwehrreihe doch ein ganzes Stück nach vorne verlagern sollte, aber umsetzen ließ sich dieser Plan vorerst nicht. Diese Tatsache machte natürlich auch ein schnelles Umschaltspiel und damit gefährliche Konter kaum möglich.

Kellermanns erster Wechsel erfolgte in der 59. Minute, als er für die zunehmend müder wirkende Jakabfi eine frische Ramona Bachmann in die Partie und damit auch mehr Geschwindigkeit in das Spiel seines Teams brachte. Auf dem Feld merkte man, dass Fischer nach wie vor nicht mit der Konstellation auf dem Feld zufrieden war, und so nahm Kellermann seinen zweiten Wechsel vor. Er brachte Tessa Wullaert für Mittelfeldspielerin Bernauer, damit diese Popp unterstützen konnte. Damit spielte Wolfsburg nun in einer 1-4-4-2-Formation, doch Lyon blieb nach wie vor die überlegene Mannschaft. Besonders überzeugend war die Vorstellung von Kumagai, die immer wieder die Angriffe des Gegners zu unterbinden wusste und so jeglichen Spielfluss der Wölfinnen einen Riegel vorschob. Nicht zuletzt dank ihr war Lyon auf dem besten Weg in Richtung Titelgewinn.

Als nicht mehr viel Zeit auf der Uhr war, nahm Prêcheur dann zwei durchaus selbstbewusste Wechsel vor. Angreiferin Lotta Schelin kam für Le Sommer aufs Feld und die angeschlagene Bremer musste Platz machen für Élodie Thomis, einer Spielerin mit deutlich größerem Offensivdrang. Es dauerte nur drei Minuten und Wolfsburg nutzte den Raum, der so zusätzlich in Reihen der Französinnen entstand. Kerschowski, die fast ohne Gegenwehr zu einem schönen Lauf ansetzte, brachte den Ball hoch in die Mitte, dort verpasste Bouhaddi selbigen mit ihren Fäusten, Popp war mit dem Kopf zur Stelle und besorgte das 1:1. Durch Wolfsburgs Einsatzwillen und die Tatsache, dass man bis zuletzt an seine Chance glaubte, gelang tatsächlich wenige Minuten vor dem Abpfiff der Ausgleich. Plötzlich waren die Deutschen in der mental deutlich komfortableren Situation.

©Sportsfile

Alexandra Popp sorgte für die Verlängerung

Als die Verlängerung begann, wurde schnell klar, dass die Deutschen mit ihrem Treffer in der 88. Minute einen echten Wirkungstreffer landen konnten. Wolfsburg agierte nun in einem 1-4-3-3-System, konnte deutlich mehr Druck auf den Gegner ausüben und machte Bouhaddi nun das Leben immer wieder schwer. Abily sah für ein Foul an Bachmann die Gelbe Karte und das deutsche Team, das so lange am Rande der Niederlage stand, kam einem vermeintlichen Sieg immer näher. Inzwischen mussten die Französinnen versuchen, auch mental wieder zu ihrer Stärke zurückzufinden. Genau das gelang auch. Kurz vor Ende der ersten Hälfte der Verlängerung fand man wieder zu einem sicheren Passspiel zurück und konnte auch wieder erste Abschlüsse auf das gegnerische Tor verzeichnen.

Am Ende sollte aber doch das Elfmeterschießen darüber entscheiden, wer die Trophäe aus Italien mit in seine Heimat nehmen darf. Bouhaddi begann dabei zwischen den Pfosten und wurde von Popp überwunden. Direkt im Anschluss hielt Schult den Elfmeter von Hegerberg und mit einem Mal sprach ganz viel für einen Wolfsburger Triumph. Die folgenden vier Elfmeter fanden alle ihr Ziel, doch dann gab es die große Wende. Bouhaddi konnte gegen Fischer parieren und so war der Gleichstand wiederhergestellt. Der fünfte Schuss der Wolfsburgerinnen, ausgeführt von Bussaglia, konnte die Schlussfrau der Französinnen ebenfalls nicht überwinden und so stand Kumagai als letzte Schützin im Mittelpunkt. Die Spielerin des Spiels verwandelte und die Partie war endgültig entschieden.

Die Spielerinnen aus Lyon rannten auf Bouhaddi zu und begruben sie im Freudentaumel unter sich, während die Damen aus Wolfsburg wie gelähmt um den Mittelkreis standen und versuchten, genau zu verstehen, wieso sie diese Partie am Ende doch noch verloren hatten. Schließlich hatten sie sich in eine unglaublich schwere Partie zurückgekämpft, standen im Elfmeterschießen schließlich selbst ganz kurz vor dem Triumph und mussten sich nun doch geschlagen geben. Am Ende hatte Lyon seine Revanche für die Finalniederlage aus dem Jahr 2013 bekommen und feierte diese ausgiebig.

©Sportsfile

Lyon sicherte sich erst im Elfmeterschießen seinen dritten Titel

http://de.uefa.com/womenschampionsleague/season=2016/technical-report/the-final/index.html#lyons+emotionale+achterbahnfahrt