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Gesprächsthemen der Saison 2015/16

Gesprächsthemen der Saison 2015/16
Brescias Spielerinnen bedanken sich nach dem Duell gegen Wolfsburg bei den Fans ©Getty Images

Gesprächsthemen der Saison 2015/16

Der Stand der Dinge
"Tatsache ist, dass sich die besten Spielerinnen der Welt den Vereinen anschließen, die am besten bezahlen und sich mit den meisten Ressourcen dem Frauenfußball widmen", sagte die ehemalige englische Nationaltrainerin Hope Powell bei der Besprechung der technischen Beobachter der UEFA nach dem Endspiel in Reggio Emilia. "Aber das Ganze wird sich mit der Zeit auch anpassen." Diese positive Denkweise teilt vielleicht nicht jeder Fachmann - ist Powell in dieser Hinsicht zu optimistisch?

"Internationale Spiele setzen den Standard und stellen die Highlights der Saison dar. Das gilt für die Vereine und für die einzelnen Spieler. Sie sind Motivation und Inspiration zugleich. Wenn der Topklub eines Landes in einer Saison nur zwei oder drei Spiele auf diesem Niveau absolvieren kann, dann trägt das der Entwicklung sicher nicht entscheidend bei."
Jarmo Matikainen, technischer Beobachter der UEFA

Die Saison 2015/16 brachte zumindest nicht viel Abwechslung, was die Endspiel-Beteiligung angeht. Zum sechsten Mal in den letzten sieben Jahren traf ein Team aus Deutschland auf ein Team aus Frankreich. Damit ist zumindest der erste Teil von Powells These belegt. Schon fast etwas erschreckend waren die klaren Heimerfolge des späteren europäischen Champions Olympique Lyonnais gegen SK Slavia Praha und Paris Saint-Germain, 9:1 und 7:0. Bei solchen Ergebnissen, auch wenn gerade Paris von unglaublichem Verletzungspech geplagt war, muss man sich ganz einfach fragen, ob diese für das Image des Wettbewerbs gut sind.

Aus dem hohen Norden
Bei einem genauen Blick auf den Stand der Dinge wird deutlich, dass es doch einen großen Unterschied zwischen den starken Leistungen der nordeuropäischen Nationalteams und dem nicht auf diesem Niveau angesiedelten Abschneiden der Vereine aus dem hohen Norden im Wettbewerb gibt. Doch was kann man tun, um auch den Vereinsfußball auf ein höheres Niveau zu heben? Der FC Rosengård konnte zwar im November 2015 seinen Platz im Viertelfinale mit einem starken 8:2-Gesamtergebnis gegen ASD Verona CF sichern, doch danach begannen die Probleme.

©Getty Images

Rosengård befand sich gerade in der Vorbereitung, als es gegen Titelverteidiger Frankfurt ging

Als dann das Duell mit Titelverteidiger 1. FFC Frankfurt am 23. März anstand, befand sich das Team von Trainer Jack Majgaard Jensen noch mitten in der Saisonvorbereitung. Dazu kam die personelle Umstrukturierung des Teams nach der abgeschlossenen Saison in der Heimat, wodurch nur fünf Spielerinnen aus der Startelf gegen Verona auch diesmal mit von der Partie waren. Rosengård stieg erst am 16. April wieder ins Ligageschehen ein und hatte sich bis dahin bereits aus Europa verabschieden müssen. Die Leistung war stark und am Ende musste man sich Frankfurt erst im Elfmeterschießen geschlagen geben, aber eine optimale Vorbereitung auf ein solches Duell sieht sicher anders aus.

Die Problematik der unterschiedlichen Winterpausen in Teilen Ost- und Nordeuropas ist aber ebenso bei den Herren gegenwärtig und stellt eine große Herausforderung dar. Die entscheidende Frage hierbei ist, wie man auch diese Teams, die sich in der Heimat gar nicht mehr im Wettkampfmodus befinden, für die Duelle in Europa im Frühjahr optimal vorbereiten und einstellen kann. Davon könnte der gesamte Wettbewerb und dessen Attraktivität profitieren.

©Sportsfile

Die Spielerin des Spiels im Finale: Lyons Saki Kumagai

Ergebnisse oder Entwicklung
Neben dem aktuellen Stand der Dinge im Wettbewerb und dem Erreichen eines höheren Niveaus stand ebenfalls das Thema Spielerentwicklung im Fokus. Aktuell sind die einzelnen Ligen in Europa auf sehr unterschiedlichen Leveln einzustufen. Problematisch wird es gerade dann, wenn Vereine sogar aus stärkeren Ländern in der heimischen Liga nur in wenigen Spielen der Saison überhaupt an ihre Leistungsgrenze gehen müssen. Für viele Spielerinnen, die an der UEFA Women's Champions League teilnehmen, ist dieser Wettbewerb die einzige Möglichkeit, sich mit hochkarätigen Spielerinnen zu messen und auf andere Fußballkulturen zu treffen. Diese Abhängigkeit von einem Wettbewerb ist im Gesamtansatz nicht sehr förderlich.

Eine wichtige Ergänzung und Rolle kann in diesem Fall der Nationalmannschaftsfußball spielen. Die UEFA hat hier mit den Entwicklungsturnieren ergänzend zu den U17- und U19-Endrunden einen ganz wichtigen und sehr erfolgreichen Schritt eingeleitet. Langfristig muss man darauf hoffen, dass sich die so gewonnenen Erfahrungswerte auch positiv auf den Vereinsfußball auswirken. Was aber kann man auf kurzfristige Sicht tun?

In ihrem derzeitigen Format beginnt die UEFA Women's Champions League mit vier Teams umfassenden Miniturnieren. Natürlich sind die damit verbundenen drei Duelle gegen unterschiedliche Gegner ein großer Gewinn in Bezug auf die eigene Entwicklung, gleichzeitig ist die Anforderung bei drei Partien in sechs Tagen eine sehr hohe. Noch dazu kann ein Aus bei einem solchen Turnier bedeuten, dass man kein einziges Spiel im Wettbewerb vor seinen eigenen Zuschauern austragen durfte. Allzu große Euphorie kann so in der Heimat der Teilnehmer schwerlich entstehen. Wie also wiegen sich die Vor- und Nachteile auf?

©R. Standard de Liège

Standard bekam es in der Runde der letzten 32 mit Frankfurt zu tun

Das Aus in der ersten Runde
Die acht Gruppensieger der Miniturniere durften ihre Reise in Europa fortsetzen und gesellten sich in der K.-o.-Phase zu den 24 bereits qualifizierten Teams. Dort schaffte einer der Gruppensieger, der FC Twente, eine große Überraschung. Die Niederländerinnen konnten den FC Bayern München auf Grund der Auswärtstorregel ausschalten. Damit war der Deutsche Meister eines von acht Teams, die den Wettbewerb nach nur zwei absolvierten Partien schon wieder verlassen mussten.

In einem K.-o.-System haben der Zufall und das Glück natürlich auch einen gewissen Stellenwert. Glasgow City FC, Viertelfinalist in der Saison 2014/15, traf gleich im ersten Duell auf einen ganz starken Chelsea FC und musste sich nach nur einer Partie vor heimischem Publikum aus Europa verabschieden. Ähnliches erlebte Standard de Liège. Die Belgierinnen erwischten den 1. FFC Frankfurt und mussten früh wieder ihre Koffer packen.

Denkt man an eine möglichst optimale Spielerentwicklung und die Ausschöpfung des spielerischen Potentials  ist dieses System dann wirklich das Optimum? In der Saison 2015/16 absolvierten nur vier Teams, die nicht aus Frankreich oder Deutschland kamen (FC Barcelona, ACF Brescia Calcio Femminile, Rosengård und Slavia Praha), mehr als vier Spiele im Wettbewerb. Auf der anderen Seite standen Frankfurt, der VfL Wolfsburg, Lyon und Paris acht bis neun Mal auf dem Feld. Alles in allem nicht zwingend ein Format, das eine zunehmende Anpassung des Niveaus unterstützt, oder?

Jarmo Matikainen, technischer Beobachter der UEFA, sagte dazu: "Internationale Spiele setzen den Standard und stellen die Highlights der Saison dar. Das gilt für die Vereine und für die einzelnen Spieler. Sie sind Motivation und Inspiration zugleich. Wenn der Topklub eines Landes in einer Saison nur zwei oder drei Spiele auf diesem Niveau absolvieren kann, dann trägt das der Entwicklung sicher nicht entscheidend bei."

Doch bei allem Wunschdenken sind es am Ende doch oftmals die finanziellen Parameter, die das letzte Wort haben. In dieser Hinsicht stellt auch der Frauenfußball keine Ausnahme dar. Man sollte und muss vielleicht sogar über die Einführung einer Gruppenphase in der UEFA Women's Champions League sprechen  entsprechend dem Format der Herren. Würde dies der Spielerentwicklung entgegenkommen? Wie kann man die 'aufstrebenden' Klubs noch weiter fördern und nach vorne bringen und was sind die nächsten Schritte, um die von Hope Powell prophezeite Anpassung zu erreichen?

http://de.uefa.com/womenschampionsleague/season=2016/technical-report/talking-points/index.html#gesprachsthemen+saison+201516