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Diskussionsthemen 2014/15

Diskussionsthemen 2014/15
Die Viertelfinalisten Wolfsburg und Rosengård wurden von Männern trainiert ©Getty Images

Diskussionsthemen 2014/15

Unbequeme Wahrheit

Ist es ein Zufall, dass in fünf der letzten sechs Endspiele ein deutsches Team auf einen französischen Gegner traf? Die Frage ist weitgehend rhetorisch, da die Trainer von Vereinen in anderen Ländern vor der Saison immer den Status der deutschen und französischen Teams als Favoriten anerkennen. Auf dem Weg ins Endspiel in Berlin gegen den 1. FFC Frankfurt schaltete Paris Saint-Germain in kniffligen Duellen zunächst den heimischen Rivalen Olympique Lyonnais und dann im Halbfinale den deutschen Titelverteidiger VfL Wolfsburg aus. Bei der Frage nach der Zusammenstellung der Endspielteilnehmer hätten Experten wahrscheinlich eher mit Lyon und Wolfsburg gerechnet. Widerspruch kommt womöglich aus Skandinavien, vor allem wenn man bedenkt, dass Wolfsburg im Viertelfinale gegen den FC Rosengård aus Schweden große Probleme hatte und nur aufgrund der Auswärtstorregel weiterkam. Andererseits war der 13:0-Gesamtsieg von Frankfurt im Halbfinale gegen Brøndby IF aus Dänemark ein eindeutiges Zeichen, dass das deutsche Team, ganz simpel, eine andere Güteklasse hatte.

Zum Zeitpunkt der deutlichen Pleite gegen Frankfurt war Brøndby unangefochtener Tabellenführer in der dänischen Meisterschaft. Bereits zuvor im Viertelfinale hatte Colin Bells Team Bristol Academy WFC aus England mit einem Gesamtergebnis von 12:0 aus dem Wettbewerb befördert. Und Dave Edmondsons Team hatte sich in einem engen Duell gegen den FC Barcelona, der später seinen vierten spanischen Meistertitel in Folge bei einem Torverhältnis von 93:9 klarmachte, für das Viertelfinale qualifiziert. Als Folge des Ausscheidens entschied sich Barça dazu, sein Frauenteam ab der Saison 2015/16 zu einer Profimannschaft zu machen. Wie viele Klubs sind in der Lage, im Streben nach mehr Wettbewerbsfähigkeit diesen Weg zu beschreiten? Nach acht schottischen Meisterschaften in Folge, drei heimischen Triples in Folge und nur einer heimischen Niederlage in den letzten sechs Spielzeiten erreichte Glasgow City FC erstmals das Viertelfinale der UEFA Women's Champions League.

Die Diskussionspunkte, die sich angesichts dieser Fakten ergeben, sind keineswegs nur für den Frauenfußball relevant. Erklären lassen sie sich mit den starken Unterschieden im Niveau der heimischen Meisterschaften und mit der geringen Anzahl an wahrlich wettkampfmäßigen Partien, die Spielerinnen der Topklubs in einer Saison angehen. Wie oft werden die Spielerinnen in ihren heimischen Wettbewerben ernsthaft gefordert? Was sind die Auswirkungen in Sachen Entwicklung der Spielerinnen?

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Farid Benstiti bemängelte die fehlende Erfahrung von Paris

Farid Benstiti stellte indirekt diese Fragen, während er Paris ins Endspiel führte. Sein Team beendete die französische Meisterschaft auf dem zweiten Platz, dabei gingen beide Partien gegen Lyon verloren, die restlichen 20 Spiele wurden allesamt gewonnen. Lyon triumphierte in der Liga in allen 22 Partien, bei einem Torverhältnis von 147:6. Die Champions League hatte Paris die Chance zur Revanche geboten – und in einem engen Duell setzte sich der Hauptstadtklub mit insgesamt 2:1 gegen Lyon durch. Benstiti verwies in seiner Analyse von gewissen Spielsituationen beim knappen Halbfinal-Triumph gegen Wolfsburg auf den Mangel an Erfahrung, was große Spiele anbetrifft. Und nach der Niederlage gegen Frankfurt in Berlin erklärte er, dass "im ersten Durchgang unsere kollektive Erfahrung in der Champions League nicht ausreichend war".

Deutschland setzt weiterhin Maßstäbe, und ein Diskussionspunkt ist, inwieweit die Standards in der Bundesliga entscheidend dabei sind, den Spielerinnen diesen zusätzlichen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Bells Team hatte die Meisterschaft, die erst am dramatischen letzten Spieltag entschieden wurde, vor dem Trip nach Berlin hinter dem FC Bayern München und Wolfsburg auf dem dritten Platz beendet. Wie wichtig ist der Faktor von starken heimischen Ligen?

Wann spielen wir?

Die Termine für die FIFA-Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada zwangen die UEFA dazu, vom bisherigen Weg, das Finale der UEFA Women's Champions League zwei Tage vor dem Herrenendspiel in derselben Stadt stattfinden zu lassen, abzurücken. Das Männerendspiel 2015 in Berlin war für Samstag, den 6. Juni terminiert – an diesem Tag startete auch das Turnier in Kanada. Die Notwendigkeit, das Frauenfinale in Berlin als eigenständige Veranstaltung auszutragen, rief Überlegungen hinsichtlich der Gegenwart und der Zukunft des Wettbewerbs hervor.

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Im Finale herrschte ein guter Besuch

Das eigenständige Finale im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark lockte immerhin 18 300 Zuschauer ins Stadion. Erwähnen sollte man jedoch, dass es ein Endspiel war, in dem ein deutsches Team in Deutschland spielte. Diese Zuschauerzahl könnte deshalb als Argument von Zweiflern herangezogen werden, die eine Rückkehr zum alten Finalschema mit Hin- und Rückspiel favorisieren, demzufolge die beiden Finalpartien jeweils von einer 'Heimanhängerschar' verfolgt werden könnten. Fortschrittliche Denker könnten dagegen darauf bestehen, dass ein einzelnes Spiel weitaus größere Möglichkeiten bietet, das Finale zu promoten – und dieser Einfluss, was Promotion, Medieninteresse und Berichterstattung anbetrifft, ist wahrscheinlich wesentlich weitreichender, wenn die Partie im Zuge des Herrenendspiels ausgetragen wird.

Der Wettbewerb bietet noch weiteren Diskussionsstoff. Die Nutzung der UEFA Women's Champions League als Promotion für den Frauenfußball auf allen Ebenen wirft Fragen nach der Anzahl der Spiele auf, die derzeit von den Fernsehstationen übertragen und somit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Ist der aktuelle Spielplan der geeignetste? Welche Wochentage und Anstoßzeiten wären die passendsten, um die maximale Anzahl an Zuschauern ins Stadion zu locken und um brauchbare Sendeplätze für eine größtmögliche Fernsehberichterstattung zu finden?

Ein Männerspiel?

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Colin Bell war einer von acht männlichen Trainern im Viertelfinale

Die acht Viertelfinalisten in der UEFA Women's Champions League stammten aus sechs verschiedenen Nationalverbänden. Aber es gab einen gemeinsamen Nenner. Alle acht Trainer waren Männer. Das ist inzwischen ein Dauergesprächsthema im Frauenfußball, wo im Nationalmannschaftsbereich neun der zwölf Trainer, die ihre Teams zur UEFA Women's EURO 2013 führten, Männer waren. Ein weiteres Beispiel ist die UEFA-U19-Europameisterschaft für Frauen 2014, bei der alle acht Endrunden-Teilnehmer von Männern trainiert wurden.

Diskussionen sind manchmal eine heikle Angelegenheit, angesichts der Bedenken, dass Kritik an den beteiligten männlichen Trainern angedeutet wird – was natürlich nicht der Fall ist. Die acht Trainer im Viertelfinale der UEFA Women's Champions League befanden sich auf einem unterschiedlichen Erfahrungsniveau. Lange schon mit Frauenteams arbeiteten Fachmänner wie Ralf Kellermann (Wolfsburg), Eddie Wolecki (der Glasgow City FC im Sommer verließ) oder Farid Benstiti (Paris). Anders sah es beim früheren dänischen Nationalspieler Per Nielsen (Brøndby IF) aus, der mit seiner Berufung Ende 2014 sein Debüt im Frauenfußball feierte.

Auf der Habenseite zu vermerken ist die Ansicht, dass die überwiegende Präsenz von männlichen Trainern das wachsende Ansehen des Frauenfußballs reflektiert – und nicht zuletzt des wichtigsten europäischen Vereinswettbewerbs. Auf der anderen Seite gibt es Diskussionspunkte, ob die Entscheidungsträger, was die Ernennung von Trainern anbetrifft, qualifizierten weiblichen Trainern Chancengleichheit einräumen – oder dass Frauen ein leichter Zugang zu Kursen offeriert wird, in denen sie sich ihre Trainerqualifikationen aneignen können. Die UEFA ist gegenwärtig an einem Projekt beteiligt, das darauf abzielt, Frauen zu Trainerkarrieren zu ermuntern und deren Ausbildung zu unterstützen. Ist es wichtig, den Anteil an weiblichen Trainern auf Topniveau zu steigern? Wenn ja, was kann zusätzlich getan werden, um dieses Ziel zu erreichen?

http://de.uefa.com/womenschampionsleague/season=2015/technical-report/talking-points/index.html#diskussionsthemen