Technischer Bericht der EURO Teil 3: Flanken

Im dritten Teil des neuen Technischen Berichts zur UEFA EURO 2016 hinterfragt das Expertengremium, warum Flanken immer wichtiger werden.

Gerard Piqué (Spain)

Trotz der Vielfalt der taktischen Systeme hatten viele Teilnehmer der EURO 2016 eines gemeinsam: die Doppelsechs im zentralen Mittelfeld.

Sergio Busquets (Spanien), Eric Dier (England), Milan Škriniar (Slowakei), William Carvalho (Portugal) und – meistens – Oliver Norwood (Nordirland) gehörten zu den seltenen alleinigen Abräumern.

Die anderen Teams agierten mit zwei defensiven Mittelfeldakteuren, deren Aufgabe es war, die Abwehrlinie abzuschirmen, gegnerische Angriffe zu stoppen und Kreativität ins Angriffsspiel zu bringen. Die Sechser waren jeweils schnell zur Stelle, um hinten auszuhelfen, wodurch bei einigen Spielen quasi zu sechst verteidigt wurde.

EURO 2016 highlights: Italy 0-1 Republic of Ireland

"Diese kompakten, tief stehenden Abwehrreihen und das schnelle defensive Umschalten machten es schwierig, in den Rücken der Abwehr zu gelangen", so Gareth Southgate. "Die Trainer mussten sich daher ernsthafte Gedanken darüber machen, welche Offensivspieler sie aufstellen und wie diese angreifen sollten."

Thomas Schaaf merkte diesbezüglich an: "Die Innenverteidiger waren klar darauf fokussiert, die Freiräume im Zentrum zu schließen; die Gegner, selbst wenn sie mit mehreren Spielern vorrückten, vermieden es oft, durch die Mitte anzugreifen, weil Ballverluste in diesem Bereich ein größeres Risiko darstellten."

Mixu Paatelainen fügte hinzu: "Viele Teams waren defensiv gut organisiert und dicht gestaffelt. Da es so schwierig war, einen Weg durch die Mitte zu finden, mussten die Abwehrreihen irgendwie umgangen werden. Dies dürfte der Grund für die Zunahme der Flanken sein."

Die Statistik gibt Paatelainen Recht: Mit den 24 Teams wurden in Frankreich tatsächlich mehr Flanken geschlagen als 2012 beim Turniermodus mit 16 Mannschaften. 

EURO 2016 highlights: Portugal 1-1 Iceland

Bei der EURO 2012 wurden pro Partie 26,16 Hereingaben gespielt (811 insgesamt); bei der Ausgabe 2016 stieg der Schnitt auf 40,76 pro Partie. Diese Zunahme um 56 % zeigt eindeutig, dass sich das Angriffsspiel der Teams auf die Flügel verlagert hat.

Derselbe Trend ist in der UEFA Champions League zu beobachten: In der Saison 2015/16 nahm die Zahl der aus Hereingaben erzielten Treffer um 24 % zu. Zählt man die nach hinten aufgelegten Bälle dazu, wurden 35 % der Tore aus dem Spiel heraus über die Seiten vorbereitet. Bei der EURO 2016 kam ein Großteil der Torchancen eindeutig durch Hereingaben zustande.

Wenngleich das numerische Gesamtergebnis für Kroatien, Italien, Deutschland, die Schweiz, Polen und insbesondere Portugal aufgrund von Verlängerungen leicht verzerrt ist, liefern die Daten gute Anhaltspunkte bezüglich der durchschnittlichen Anzahl der Hereingaben pro Spiel sowie deren Erfolgsquote.

Auf das Tor drehende, mit dem "falschen" Fuß gespielte Flanken in die Gefahrenzone zwischen Verteidigern und Torwart erwiesen sich als besonders effizient. Auf diese Weise erzielte etwa Robbie Brady auf Vorarbeit von Wes Hoolahan den Siegtreffer gegen Italien, durch den die Iren für eine der Überraschungen des Turniers sorgten und sich für das Achtelfinale qualifizierten.

Nach einer ähnlichen, mit links getretenen Hereingabe von der rechten Seite erzielte auch Birkir Bjarnason den Ausgleich gegen Portugal, der Island einen wertvollen Punkt sicherte. Andrés Iniesta leitete seinerseits mit einer aufs Tor gedrehten Flanke von der linken Seite den späten spanischen Siegtreffer durch Gerard Piqué im Auftaktspiel gegen Tschechien ein.

EURO 2016 highlights: Spain 1-0 Czech Republic

Gareth Southgate sagte dazu: "Der Ort, von dem aus Flanken geschlagen werden, und auch die Flugbahn des Balles haben sich im Vergleich zu früher verändert. Es gab zahlreiche in Richtung Tor drehende Hereingaben, vor allem bei Teams, die ihre Flügelspieler auf der ‘verkehrten‘ Seite einsetzen. Ebenfalls zugenommen hat die Bedeutung von nach hinten aufgelegten Bällen; es kommt nicht mehr so oft vor, dass ein Flügelspieler bis zur Grundlinie durchläuft und dann von der Nähe der Eckfahne aus flankt."

In der Einzelstatistik erwies sich zunächst der italienische Flügelspieler Antonio Candreva mit 22 Hereingaben von der rechten Seite als fleißigster Flankengeber, bevor er nach zwei Spielen verletzungsbedingt für den Rest des Turniers ausfiel. Der Belgier Kevin De Bruyne verzeichnete im Schnitt ebenfalls über zehn Flanken pro Partie und konnte darüber hinaus eine der höchsten Erfolgsquoten vorweisen: 37 % seiner Hereingaben landeten bei einem Mitspieler.

Ähnliche Werte wies der kroatische Rechtsverteidiger Darijo Srna mit 43 Flanken in vier Spielen und einer Erfolgsrate von 35 % auf – damit lag er beispielsweise deutlich vor seinen englischen und spanischen Pendants auf derselben Position: Kyle Walker und Juanfran kamen auf eine Quote von 14 % bzw. 12,5 %.

Auch das Flügelspiel der DFB-Elf verzeichnete statistisch betrachtet eine niedrige Erfolgsquote; als produktivster Flankengeber erwies sich Toni Kroos mit 42 Versuchen, wobei er eine Erfolgsquote von 21 % erreichte, während Thomas Müller (12,5 %) in Sachen Effizienz zwischen den Außenverteidigern Joshua Kimmich (23 %) und Jonas Hector (6 %) lag.

"Die meisten Hereingaben stammten natürlich von Außenverteidigern und Flügelspielern", so Peter Rudbæk. "Oft zogen die Flügelspieler nach innen, um auf der Seite Freiräume für die Außenverteidiger zu kreieren. Die Quantität der Flanken ist allerdings eine Sache, die Qualität eine andere."

"Wir Trainer müssen also dafür sorgen, dass die Spieler an ihrer Fähigkeit arbeiten, Vorstöße mit guten Hereingaben abzuschließen. Diese sind für das Angriffsspiel der Mannschaften unverzichtbar geworden."

Dieser Artikel ist auch im offiziellen Technischen Bericht zur UEFA EURO 2016 abrufbar: Hier geht's zum Download.