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Taktische Entwicklung

Bei jeder UEFA-Europameisterschaft gab es taktische Meisterleistungen zu bewundern und auch bei der UEFA EURO 2016 in Frankreich wird es wieder neue Trends und Erkenntnisse geben.
Taktische Entwicklung
Spanien jubelt über den Triumph 2008 ©Getty Images

Taktische Entwicklung

Bei jeder UEFA-Europameisterschaft gab es taktische Meisterleistungen zu bewundern und auch bei der UEFA EURO 2016 in Frankreich wird es wieder neue Trends und Erkenntnisse geben.

Bei jeder UEFA-Europameisterschaft gab es taktische Meisterleistungen zu bewundern und auch bei der UEFA EURO 2016 wird es wieder neue Trends und Erkenntnisse des modernen Fußballs geben.

Bei den ersten Europameisterschaften in den 1960ern musste die alte 2-3-5-Formation - mit zwei Außenverteidigern, zwei hängenden Flügelspielern, einem zentralen Mann, zwei Flügelspielern, zwei Halbstürmern und einem Mittelstürmer - einer moderneren Taktik mit einer etwas defensiver ausgerichteten Spielweise weichen. Das große Ziel war es von nun nicht mehr, viele Tore zu schießen, sondern keine zu kassieren. Im Lauf der Zeit entwickelten sich neue Systeme wie das 4-3-3 (oftmals ohne einen Flügelspieler), das 4-4-2 oder das 4-2-4.

Dazu kristallisierten sich auch besondere Positionen heraus. Italien, der Europameister von 1968, konnte nicht nur auf eine starke Abwehr und seine torgefährlichen Angreifer bauen, sondern auch auf Außenverteidiger Giacinto Facchetti. Dieser schaltete sich immer wieder ins Offensivspiel ein und definierte seine Position damit völlig neu. Anschließend kamen große Spielmacher wie der brillante Günter Netzer in Mode, der die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1972 zum Titel führte. Wenn der Spielmacher zudem noch torgefährlich war, sowohl aus dem Spiel heraus als auch bei Standardsituationen, dann hatte man gute Chancen - wie im Jahr 1984, als der Franzose Michel Platini auf heimischem Boden mit neun Treffern aus fünf Spielen Torschützenkönig des Turniers wurde.

In den 1970ern wurde der Libero geboren. Diese flexible Position konnte man entweder rein defensiv auslegen, als letzter Mann hinter der Abwehr, oder man konnte sich immer wieder ins Spiel nach vorne einschalten. Der elegante Franz Beckenbauer, Kapitän der Bundesrepublik Deutschland bei der EM 1972, interpretierte diese Position völlig neu. Er nutzte seine technischen Fähigkeiten und seine Übersicht, um aus der eigenen Hälfte heraus die Angriffe seiner Mannschaft zu starten.

Über die Jahre hat sich der Fußball im Bereich Taktik ständig weiterentwickelt, es wird immer schwerer, ein Mittel gegen die gut gestaffelten Abwehrreihen zu finden. Diese Entwicklung wurde von der technischen Studiengruppe der UEFA, die aus erfahrenen Trainern und Taktik-Experten besteht, bei den letzten Europameisterschaften genau beobachtet. Diese Studiengruppe durchleuchtet alle vier Jahre die neuesten taktischen Trends.

Bei der EURO '96™ in England ging der Trend hin zu starken, schier unüberwindlichen Defensivblocks. Das Mittelfeld wurde bei den neuen 3-5-2-Formationen verstärkt, dafür wurden die Flügelspieler abgeschafft. Diese Lücke sollten die Arbeiter auf den Halbpositionen oder die Außenverteidiger füllen. Um die massiven Abwehr-Bollwerke auszuspielen setzte man auf Konter mit schnellen und technisch herausragenden Angreifern. Ein defensiver Mittelfeldspieler, der die Bezeichnung "Staubsauger" bekam, sollte diese schnellen Konter unterbinden. Nach der Einführung der Rückpassregel mussten die Torhüter ihre fußballerischen Fähigkeiten verbessern.

2000 in den Niederlanden und Belgien drehte sich alles um die Raute im Mittelfeld - mit einem defensiven Mittelfeldspieler, zwei "normalen" Mittelfeldspielern und einem offensiven Mittelfeldspieler zur Unterstützung der Stürmer. In dieser Zeit setzten die Teams vermehrt auf einen einzigen Stoßstürmer. Zwei defensive Mittelfeldspieler sollten gefährliche Situationen zusammen mit der Abwehr bereinigen, außerdem mussten die Akteure immer mehr zu kompletten Fußballern werden - taktisch geschult, vielseitig, anpassungsfähig, flexibel und schnell denkend - und auch körperlich topfit sein.

Das Spiel wurde immer schneller, und so war bei der Endrunde 2004 eine Mischung aus Technik und Schnelligkeit gefragt. Es wurden die kollektiven, massiven Abwehrblocks eingeführt, die dem Gegner kaum ein Durchkommen ermöglichten. Gleichzeitig versuchte man es selbst mit schnellen Gegenstößen. Langsames Aufbauspiel und Kombinationen über viele Stationen waren gegen solche Systeme kein geeignetes Mittel, aber dafür wurde das Flügelspiel wieder verstärkt eingesetzt, denn dadurch konnte man die robusten Abwehrreihen überwinden. In Portugal waren vor allem auch Standardsituationen sehr wichtig. Höchste taktische Disziplin, Organisation und Teamgeist haben es Griechenland ermöglicht, überraschend den EM-Titel zu holen.

Es war aber noch nicht das Ende des kreativen Kombinationsspiels, denn vier Jahre später verzauberte Spanien bei der EM in Österreich und der Schweiz mit einem hoch begabten Mittelfeld und Spielern wie Xavi Hernández, Andrés Iniesta und Marcos Senna, die alle kleiner als 1,77 Meter waren. Zwar waren sie körperlich unterlegen, konnten aber mit ihrer Passsicherheit und Übersicht jeden Gegner müde spielen.

Die Spanier hoben ihre Kunst im Verlauf der nächsten vier Jahre auf ein derart hohes Niveau, dass sie sich nach dem verletzungsbedingten Ausfall von David Villa für die UEFA EURO 2012 entschieden, ohne richtigen Stürmer zu spielen. Stattdessen profitierten sie von einer falschen Neun, einem nominellen Stürmer, der aber tiefer spielte und die Verteidiger von ihren Positionen weglockte, damit seine Teamkollegen mehr Raum hatten. Bei Ballbesitz änderte sich ihr System von einem 4-3-3 zu einem 3-4-3, ein Mittelfeldspieler ließ sich nach hinten fallen und die beiden Außenverteidiger marschierten nach vorne. Die Gegner wurden einmal damit bearbeitet, dann mit dem anderen Mittel, und schon waren sie offen.

Der Fußball wird sich immer weiterentwickeln - was können wir bei der UEFA EURO 2016 in Frankreich erwarten?

Letzte Aktualisierung: 10.10.13 14.02MEZ

http://de.uefa.com/uefaeuro/history/background/the-evolution-of-football/index.html