Iker Casillas im Interview: "Ein Tapetenwechsel ist seltsam"

Iker Casillas, der erfahrenste Spieler in der UEFA Champions League, spricht mit UEFA.com über das Prestige dieses Wettbewerbs, über seine Eingewöhnung in Porto und das kommende Duell mit Gianluigi Buffon.

Iker Casillas (Porto)
©Getty Images

UEFA.com: Sie haben mehr K.-o.-Duelle in der Champions League bestritten als alle Spieler von Porto zusammen. Ihre Erfahrung könnte der Schlüssel gegen Juventus sein ...

Iker Casillas: So viele wichtige Spiele in einem prestigeträchtigen Wettbewerb, wie die Champions League einer ist, bestritten zu haben, bringt mir die Erfahrung, mich an die anderen Spieler zu wenden - und dafür bin ich dankbar. Ich hoffe, dass die anderen Spieler deshalb zuversichtlicher sind. Natürlich haben wir eine sehr schwere Aufgabe erwischt. Wir wissen, dass Juventus Favorit ist, aber manchmal kann man sich mit Begeisterung, einem festen Willen und Mut gegen individuelle Fähigkeiten durchsetzen.

UEFA.com: Sie haben für Real Madrid gespielt, das in jedem Spiel Favorit war, aber in Porto ist das etwas anders. Wie fühlt sich das an?

Casillas: Auf der einen Seite bin ich etwas erleichtert, weil man mehr in der Verantwortung steht, wenn man immer Favorit ist. Und eine Niederlage schmerzt dann mehr. Nun müssen wir realistisch sein: wir sind eine gute Mannschaft und machen mit Hilfe der jüngeren Spieler allmählich Fortschritte. Nun geht es gegen einen Gegner, der seit langer Zeit auf hohem Niveau spielt. Sie standen im Halbfinale, im Endspiel, im Viertelfinale. Vor sechs oder sieben Monaten haben wir Playoffs gegen die Roma bestritten.

UEFA.com: Wie wichtig war für Sie in Ihrer Karriere die Champions League und welche Bedeutung hat sie heute für Sie?

Casillas: In einem Wettbewerb wie die Champions League zu spielen, ist für einen Spieler wichtig. Da fühlt man sich in diesem Sport noch viel mehr als Profi. In der Champions League kommen die besten Spieler der Welt zusammen.

UEFA.com: Sie haben mit Spanien so viel erreicht, aber haben Ihre Europapokalsiege einen besonderen Platz? Ich weiß nicht, ob Ihre Karriere die gleiche gewesen wäre ohne diese Erfolge in der Champions League?

Casillas: Ich denke, dass so etwas das Prestige eines Spielers stärkt. Natürlich trägt der Gewinn heimischer Wettbewerbe wie Liga, Pokal und Supercup zum Ruf eines Spielers in seinem Land bei, aber irgendwann geht man einen Schritt weiter und holt diesen Europapokal. Damit vergrößert man sein Prestige auf der Weltbühne.

Es bestätigt, dass man ein wichtiger Spieler ist, der in einem prestigeträchtigen Wettbewerb gespielt und ihn gewonnen hat. In meinem Fall ist das dreimal passiert, und natürlich bin ich darauf sehr stolz, und ich hoffe, es kommt ein vierter Titel dazu.

Iker Casillas (Porto)
Casillas ist ein Schlüsselspieler bei Porto©AFP/Getty Images

UEFA.com: Kommt das Duell mit Juve ausgerechnet zu einer Zeit, in der Sie sich in der besten Form befinden, seit Sie 2015 nach Porto kamen?

Casillas: Jeder Spieler weiß, dass es seine Zeit braucht, um sich an eine neue Stadt, eine neue Umgebung und eine neue Lebensweise zu gewöhnen. Wenn man, wie in meinem Fall, solange am gleichen Ort zubringt, ist ein Tapetenwechsel seltsam. Vielleicht habe ich noch nicht das Niveau erreicht, das ich im vergangenen Jahr angestrebt hatte. Ich bin noch nicht komplett angekommen.

Ich bin nicht mehr in den Kader der spanischen Nationalmannschaft berufen worden, sodass ich mehr Zeit habe, mich auf meinen Klub zu konzentrieren. Ich habe diesen Effekt festgestellt. Als erstes muss man sich bei seinem Klub eingewöhnen und dann weiß man nicht, was passieren könnte.

UEFA.com: Die Leute sprechen nicht nur von Porto gegen Juventus, sondern es ist die Rede von Casillas gegen Buffon. Was denken Sie über Buffon - als Mensch und als Torhüter?

Casillas: Ich habe das Glück, drei Jahre jünger als Gigi zu sein. Ich war 14, als ich angefangen habe, und er war 18. Ich habe seinen Stil und seine Persönlichkeit gesehen und ihn schätzen gelernt. Als ich aufwuchs, habe ich zu ihm aufgeschaut, und als wir uns gemeinsam entwickelt haben, hatten wir ähnlich verlaufende Karrieren. Wir haben beide eine Menge gewonnen und haben oft gegeneinander gespielt. Ich glaube nicht, dass der italienische Fußball jemals noch so einen Torhüter wie ihn haben wird.

In Europa und der ganzen Welt wird er als einer der Besten aller Zeiten gesehen. Unsere Rivalität ist gesund und positiv: wir schätzen einander wirklich, und gegen ihn zu spielen, ist immer ein Vergnügen. Er ist ein Spieler, der in der ganzen Welt bekannt ist und bewundert wird. Und er ist Teil der Geschichte dieses Spiels.

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UEFA.com: Wir wissen, dass Sie ein ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen und ein enzyklopädisches Wissen über all ihre Spiele haben. Schauen wir zurück, als 2002/03 Real Madrid im Halbfinale gegen Juve spielte und Sie damit erstmals auf Buffon trafen. Sie gewannen das Heimspiel mit 2:1, ehe es in Turin eine 1:3-Niederlage gab. Wie sind Ihre Erinnerungen?

Casillas: Beide Mannschaften hatten außergewöhnliche Spieler: Trezeguet, Nedvěd, Zidane, Ronaldo, Figo. Wir gewannen das Hinspiel mit 2:1, hätten aber auch einen höheren Sieg verdient gehabt - leicht 3:1 oder sogar 4:1. Im Auswärtsspiel im alten Juve-Stadion hätten wir alles klarmachen können. Doch Luís [Figo] verschoss gegen Buffon einen Elfmeter, und dann führten sie mit 3:0. Wir schafften zwar noch das 1:3, machten 15 Minuten Druck und hätten sogar das 2:3 erzielen und weiterkommen können.