
Ihm gehört die Aufmerksamkeit am ersten Spieltag der Super Leage: Gennaro Gattuso. Warum der Weltmeister sich für die Super League entschieden hat? Der Emotionen wegen, sagt er.
Es war seine Antrittspressekonferenz, und schnell hatte Gattuso die Lacher auf seiner Seite. "Wisst Ihr eigentlich, dass nur Gattuso kommt?", fragte er die versammelten Journalisten, um sogleich anzufügen: "Nur Gattuso, Pirlo kommt nicht." Diese scherzhafte Anspielung waren nicht bloße Worte der Wertschätzung für Andrea Pirlo, seinen langjährigen kongenialen Mitstreiter. Nein, wer Gattuso in diesen Tagen zuhört, weiß, dass er damit etwas anderes ausdrücken, die Öffentlichkeit geradezu bitten wollte: Setzt nicht zu hohe Erwartungen an mich, bleibt auf dem Boden.
Gattuso ist 34 Jahre alt, Weltmeister, zweifacher Sieger der UEFA Champions League, zweifacher italienischer Meister. Ihm lagen zahlreiche Angebote vor – aus Italien, Russland oder aus Schottland. Dennoch entschloss er sich zu einem Wechsel in die Schweiz, zu einem Verein, dessen letzter Meistertitel 15 Jahre zurückliegt und der im zweifelhaftem Ruf steht, viel Potenzial zu haben, dieses aber zu selten zu nutzen. Was will er ausgerechnet dort, ist man geneigt zu fragen.
Gattuso scheint nicht so zu denken. Überaus bescheiden gibt er sich in seinen ersten Tagen, nichts lässt er sich von seinen Erfolgen anmerken, obschon es ein Leichtes für ihn wäre, als Weltmeister von oben auf seine neue sportliche Heimat herabzublicken – im Gegenteil: Er zeigt Eifer. Trainingsbeobachter sehen gar einen Gattuso, wie man ihn aus besten Tagen kennt. Einen, der rennt, grätscht, schreit, einen, der sich voll mit seiner Aufgabe identifiziert und sich über jeden gewonnenen Trainingszweikampf freut. Kurz: Sie sehen einen Vorzeigeprofi.
Wer mit mehr Nachdruck fragt, warum er sich nun für den FC Sion und gegen prominentere Bewerber entschieden hat, bekommt zu hören: "Die Leute hier im Wallis haben Blut in den Adern. Sie erinnern mich an die Leute aus Kalabrien, meiner Heimat. Sie zeigen Emotionen." Das sei ein entscheidender Grund, warum er in Sion für zwei Jahre unterschrieben habe.
Präsident Christian Constantin sei ein wichtiger Faktor gewesen, er habe ihn in einem Gespräch von der Begeisterungsfähigkeit der Sittener überzeugt. Und er habe in ihm etwas ausgelöst, das ihn nun dazu bewogen habe, den Schritt in den Norden zu machen. Man könnte sagen: Constantin hat in Gattuso die Emotionen geweckt, die der Italiener auf den Platz bringen soll.
Doch nicht nur das: Auch die sportlichen Perspektiven scheinen attraktiv im Wallis, glaubt Gattuso, schließlich habe er schon immer eine hohe Meinung vom Schweizer Fußball gehabt. "Das Niveau war immer gut, und es wäre noch besser, wenn die Schweizer Nationalspieler nicht im Ausland, sondern in ihrer Heimat spielen würden", sagt er.
Aber auch so, auch ohne Shaqiri, Xhaka und Co.: Die Herausforderung, den auch europaweit anerkanten FC Basel 1893 zu ärgern und ihm vielleicht sogar den Titel wegzuschnappen, sei “wahnisnnig reizvoll”. Er, Gattuso, könne die Frage nach seinem Antrieb daher ohnehin nicht begreifen. "Ich habe noch einiges vor. Und darauf bin ich heiß. Und vor allem bin ich hier, um Basel zu schlagen." Es sind die einzigen Worte, mit denen er kurz seine Bescheidenheit verliert.
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