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Die "Männer vom Mars" erobern England

Veröffentlicht: Montag, 25. November 2013, 9.00MEZ
Die Mannschaft von Olympiasieger Ungarn kam vor 60 Jahren als "Männer vom Mars" nach England, um dort mit nahezu außerirdischem Fußball und einem 6:3-Sieg gegen die Gastgeber eine neue Ära einzuläuten.
 
Veröffentlicht: Montag, 25. November 2013, 9.00MEZ

Die "Männer vom Mars" erobern England

Die Mannschaft von Olympiasieger Ungarn kam vor 60 Jahren als "Männer vom Mars" nach England, um dort mit nahezu außerirdischem Fußball und einem 6:3-Sieg gegen die Gastgeber eine neue Ära einzuläuten.

Es war das "Spiel des Jahrhunderts" – die Erfinder des Spiels im Duell mit dem besten Team zu dieser Zeit. Manchem erschien die damalige Berichterstattung der britischen Medien etwas überzogen, doch das Spiel zwischen England und Ungarn ist bis heute unvergessen und ohne Frage ein großer Wendepunkt für den Fußballsport.

Olympiasieger Ungarn betrat das Spielfeld mit der Empfehlung von fast vier Jahren Fußball ohne eine Niederlage und England auf der anderen Seite, hatte noch nie zuhause gegen ein Team verloren, das nicht von den britischen Inseln kam. Die Sunday Times formulierte es treffend und schrieb: "Niemand war darauf vorbereitet, das England nicht mehr länger die Welt regieren würde."

Die jeweiligen Einstellungen zum Spiel waren auch in den Aufstellungen abzulesen. Während die Engländer mit drei waschechten Sturmspitzen in die Partie gingen, traten die Ungarn deutlich moderner mit Nándor Hidegkuti als hängender Spitze hinter Ferenc Puskás und Sándor Kocsis an.

"Die Ungarn spielten einen Fußball, geprägt von Ballkontrolle und schnellem Passspiel - es war ein Fußball, der seiner Zeit ganz einfach voraus war. Sie spielten innovativ und produktiv", sagte später Englands Dribbelkünstler Stanley Matthews. "Schon lange vor dem Abpfiff war unsere glorreiche fußballerische Vergangenheit genau das, sie war Vergangenheit."

Die Ungarn, trotz aller Klasse und Zuversicht, waren vor dieser Partie durchaus nervös. Diese Nervosität nahm aber zumindest bei Ferenc Puskás nach einer zufälligen Begegnung vor der Partie drastisch ab. Er erinnerte sich: "Ich hatte mein Trikot schon an und stand im Spielergang, da sah ich plötzlich Englands Ernie Taylor, der wirklich klein war. Ich bin sofort zurück in die Umkleide und sagte zu den anderen: 'Macht euch keine Sorgen, die haben sogar einen Spieler, der kleiner ist als ich'."

©Popperfoto/Getty Images

Die Kapitäne Ferenc Puskás und Billy Wright

Puskás wurde auf Grund seiner Armeezugehörigkeit auch der "galoppierende Major" genannt und hatte großen Anteil daran, dass sich die 105 000 Zuschauer im Stadion nur verwundert die Augen reiben konnten, ob der Vorstellung der Gäste. Nándor Hidegkuti hatte die Ungarn nach nur einer Minute mit einem Schuss von außerhalb des Strafraums in Führung gebracht. Zwar schaffte Jackie Sewell den Ausgleich, doch es wurde schnell klar: Ungarn spielte schneller, intelligenter und technisch besser - die Konsequenz war der 3:1-Zwischenstand Mitte der ersten Hälfte.

Der dritte Treffer der Ungarn war von besonderer Güte. Zwar stand Gil Merrick in der kurzen Ecke des eigenen Tores und direkt vor Puskás – der von einem englischen Spieler vor der Partie noch als "kleiner dicker Kerl" bezeichnet wurde – hinzu kam noch der englische Kapitän Billy Wright, doch Puskás ließ seinen Gegenüber dermaßen aussteigen, dass dieser auf dem Hosenboden landete und Merrick gegen den direkt anschließenden Schuss keine Chance hatte. "Billy Wright sah in diesem Zweikampf ein wenig wie ein Feuerwehrmann aus, der zum falschen Feuer rennt", war im Spielbericht der Times zu lesen.

©Popperfoto/Getty Images

Englands Gil Merrick bei einer Parade

Doch die Lehrstunde für die Engländer war damit noch lange nicht vorbei. Puskás kam auf insgesamt zwei Treffer, Hidegkuti erzielte sogar drei Tore und auch József Bozsik traf einmal ins Schwarze. "Wir haben einen Spielstil gesehen und ein Spielsystem, das wir zuvor noch nie gesehen hatten", sagte der spätere englische Nationaltrainer Bobby Robson, der das Spiel voller Verwunderung verfolgte. "Diese Spieler haben uns allesamt nichts gesagt. Wir wussten nicht wer Puskás war. Für uns waren all diese fantastischen Fußballer wie Männer vom Mars, völlig unbekannt."

Wer selbst nach dieser Partie noch Zweifel an der neuen Rangordnung hatte, der wurde spätestens sechs Monate danach eines Besseren belehrt, als Ungarn die Engländer in Budapest mit 7:1 schlagen konnte. Das alles passierte innerhalb eines Zeitraums von 50 Spielen, von denen die Ungarn lediglich das WM-Finale 1954 verloren. Daneben kamen die Ungarn auf 42 Siege und sieben Remis, erzielten 215 Tore. Doch dieser Tag im November 1953 war der große Wendepunkt. Oder wie der englische Angreifer Tom Finney es ausdrückte, es war das Wettrennen zwischen "Ackergäulen und Rennpferden".

Letzte Aktualisierung: 09.09.15 12.40MEZ

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