Triumphe und Turbulenzen

Zum 60. Geburtstag der UEFA blicken wir zurück auf sechs Jahrzehnte voller Fußball - nun geht es um die 1980er, als die UEFA den Fußball durch eine Zeit voller Entwicklungen und einiger Tragödien führte.

Frankreich feiert in Paris den EM-Titel
Frankreich feiert in Paris den EM-Titel ©Getty Images

Auf dem grünen Rasen dominierte der englische Fußball die Europapokalwettbewerbe über ein Jahrzehnt lang. Die 1980er Jahre begannen mit dem zweiten Triumph von Nottingham Forest FC im Pokal der europäischen Meistervereine in Folge. Innerhalb von nur drei Jahren hatte sich das Team unter dem charismatischen Trainer Brian Clough von der zweiten englischen Liga bis an die Spitze Europas gekämpft. Ein einziges Tor entschied in Madrid das Endspiel gegen Hamburger SV. Cloughs Einstellung war typisch für den eloquenten Briten: "Als ich den Europapokal gewann, ist Nottingham Forest nicht pleite gegangen. Dies habe ich geschafft, indem ich die Mannschaft gut trainiert habe und nicht mit einem Scheckheft durch die Gegend gelaufen bin."

1981 besiegte Liverpool FC im Finale von Paris Real Madrid CF mit 1:0, im folgenden Jahr komplettierte mit Aston Villa FC ein echter Außenseiter den sechsten englischen Erfolg in der Königsklasse in Serie. Unter dem Disziplinfanatiker Ron Saunders holte sich das Team die Meisterschaft, nach dessen Abschied vollendete sein bis dato unbekannter Nachfolger Tony Barton mit dem Finalsieg gegen den FC Bayern München in Rotterdam dessen Werk. Erst dem Hamburger SV gelang es 1983, die Dominanz der Engländer zu brechen, als die Hanseaten in Athen dank eines famosen Fernschusses von Felix Magath im Finale gegen Juventus triumphierten. Schon 1984 siegte mit Liverpool FC aber erneut eine Mannschaft von der Insel, im Endspiel von Rom besiegten die Reds Lokalmatador AS Roma nach Elfmeterschießen.

1985 erlebte der europäische Fußball seinen dunkelsten Tag, als beim Finale des Pokals der europäischen Meistervereine im Heysel-Stadion in Brüssel nach dem Einsturz einer Mauer 39 Fans um Leben kamen. Das Spiel wurde mit Verspätung aber doch noch angepfiffen, wobei Juventus dank eines Elfmetertores von Michel Platini mit 1:0 gegen Liverpool FC gewann. Nach dieser Katastrophe wurden Sicherheit und zuschauerbezogene Themen zu den obersten Prioritäten für die Fußballfunktionäre in den kommenden Jahren. Hierbei tat sich besonders die UEFA in Zusammenarbeit mit der europäischen Politik hervor.

1986 schlug die große Stunde des FC Steaua Bucureşti, der dank seines Torhüters Helmut Duckadam im Finale von Sevilla gegen den hoch favorisierten FC Barcelona triumphierte. Im Elfmeterschießen hielt der Rumäne alle vier Strafstöße der Katalanen und sorgte so für eine der größten Überraschungen dieser Dekade. Eines der denkwürdigsten Tore der Fußballgeschichte entschied ein Jahr später das Finale zugunsten des FC Porto. Mit der Hacke düpierte Rabah Madjer damals Jean-Marie Pfaff im Kasten von Bayern München und machte sich unsterblich. 1988 war das Jahr des niederländischen Fußballs, im Landesmeisterpokal siegte die PSV Eindhoven in Stuttgart nach Elfmeterschießen gegen SL Benfica.

Eine denkwürdige Mannschaft beendete diese Dekade stilgemäß. Angeführt vom niederländischen Triumvirat Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard fegte der AC Milan im Finale in Barcelona Steaua mit 4:0 vom Platz. Trainer und Mentor dieser Mannschaft war Arrigo Sacchi, der selber nie als Profi sein Geld verdient und stattdessen jahrelang Schuhe verkauft hatte. Sacchi entgegnete seinen Kritikern: "Ich wusste gar nicht, dass man nur Jockey werden kann, wenn man zuvor ein Pferd war!"

Die erste Europameisterschaft der 1980er Jahre war das erste Turnier mit acht Endrundenteilnehmern, am Ende triumphierte Deutschland im Finale gegen Belgien dank zweiter Tore von Horst Hrubesch – Spitzname "Kopfballungeheuer". "Wir hatten eine gute Mannschaft, eine der besten in Europa", sagte Hrubesch. "Wir waren auf jeden Fall in der Lage, das Turnier zu dominieren. Diese Mannschaft war auf jeder Position sehr stark, aber es war auch eine Mannschaft, in der die Spieler sehr gut zusammengepasst haben und wir einen schönen Fußball gespielt haben." Vier Jahre später siegte bei der Endrunde in Frankreich das technisch begnadete Team der Gastgeber, angeführt vom unwiderstehlichen Michel Platini. Platini gelangen bei der Endrunde neun Tore, gegen Jugoslawien traf er per Kopf, mit rechts und mit links. Im Endspiel von Paris waren die Spanier chancenlos. "Es war eine überwältigende Freude, Europameister zu werden", erklärte der künftige UEFA-Präsident. "Dass dies auch noch vor eigenem Publikum gelang, war das Sahnehäubchen."

1988 dominierte in Deutschland die Farbe orange. Unter ihrem legendären Trainer Rinus Michels siegte das Oranje-Team 14 Jahre nach dem verlorenen WM-Finale von München an gleicher Stelle im Endspiel gegen Russland. Herausragend war das Milan-Trio Van Basten, Gullit und Rijkaard, das eine neue Generation zum Titel führte. Dabei war die Endspielvorbereitung der Niederländer durchaus unorthodox, wie Gullit einst enthüllte. "Ein Tag vor dem Finale gingen wir auf ein Whitney-Houston-Konzert - ist das nicht unglaublich? Am Finaltag sagten wir: 'Hört mal, alle guten Dinge sind drei: Erst die Party, dann Whitney Houston, jetzt ist der Pokal dran!'" Gullit gelang das 1:0, für den 2:0-Endstand sorgte Van Basten volley aus spitzem Winkel - noch heute eines der berühmtesten und schönsten Tore der Fußballgeschichte.

Der Frauenfußball drängte in den 1980er Jahren vehement in den Vordergrund. Die ersten Einladungen für einen Wettbewerb mit Frauenmannschaften wurden ausgeschrieben, wobei es 16 Bewerbungen gab. Der erste UEFA-Europawettbewerb für repräsentative Frauenmannschaften wurde zwischen 1982 und 1984 ausgetragen, wobei sich Schweden den Titel sicherte. Die zweite Ausgabe gewann Norwegen im Jahr 1987, 1989 folgte der erste Triumph der Bundesrepublik Deutschland. Aufgrund der extrem positiven Resonanz erhielt das Turnier schon bei der nächsten Ausgabe den Status einer Europameisterschaft.

In dieser Zeit entwickelte sich der Fußball immer mehr zu einem gigantischen Geschäft, von dem auch die UEFA als europäischer Dachverband profitierte. Riesige Summen flossen so aus den verschiedenen Wettbewerben zurück in den Fußball. Ab 1987 weitete auch die UEFA ihren Personalbestand und ihr Budget extrem aus, um mit den Entwicklungen des Fußballs Schritt halten zu können. Ein Europa ohne Grenzen warf natürlich auch viele rechtliche Fragen auf; der Verkauf der TV-Rechte stieg in astronomische Höhen, das Sport-Marketing wurde immer ausgefeilter. Die UEFA organisierte technische und Schiedsrichterkurse und sorgte für vermehrten Erfahrungsaustausch zwischen den Unparteiischen. 1986 wurde die Medizinische Kommission gegründet, ab der Saison 1982/83 wurde Trikotwerbung zugelassen; San Marino wurde 1988 als 35. UEFA-Mitglied aufgenommen und in Bern startete die UEFA mithilfe der neuen Techniken eine umfassende Datenbank für den europäischen Fußball.

Im August 1983 starb UEFA-Präsident Artemio Franchi bei einem Autounfall, sein Tod war ein schwerer Verlust für den Fußball in ganz Europa. Sein Nachfolger wurde der Franzose Jacques Georges, der die UEFA nach der Heysel-Tragödie durch schwieriges Fahrwasser steuerte und sich den neuen Herausforderungen für den europäischen Dachverband mutig stellte.

In der UEFA-Verwaltung endete 1988 mit dem Rücktritt von Generalsekretär Hans Bangerter nach fast 30 Jahren eine überaus erfolgreiche Karriere. Bangerter reichte den Stab an den Deutschen Gerhard Aigner weiter, der seit 1969 für die UEFA arbeitete und über reichhaltige Erfahrungen in diversen Ausschüssen und Komitees verfügte und so der ideale Nachfolger des Schweizers war. Gerhard Aigner sollte in den folgenden Jahren eine Schlüsselrolle bei der explosionsartigen Entwicklung der UEFA spielen…